Offener Brief an Bundesminister Dr. J. Hahn

verfasst von den a.o.Univ.Professoren Dr. S. Galler (Salzburg), Dr. R. Dallinger (Innsbruck) und
 Dr. R. Flatscher (Wien), überreicht am 29. April 2008

 

zum Thema: Abschaffung der leistungsfeindlichen Kuriengrenze an Österreichs Universitäten

 

29. April 2008

 

 

Sehr geehrter Herr Bundesminister!

 

Unter den selbständigen Wissenschaftlern der Österreichischen Universitäten herrscht eine leistungsfeindliche Zwei-Klassengesellschaft (auf der einen Seite die Minderheit der Professorenkurie mit absoluter Macht und auf der anderen Seite der große, fast rechtlose Rest ohne Organisationsstruktur „Mittelbau“; Details Seite 3). Um dieser entgegenzutreten, haben Kollegen und ich vor einigen Jahren eine Unterschriftenaktion gestartet, die darauf abzielte, dass zumindest alle habilitierten Professoren in einer gemeinsamen Gruppe vereinigt werden. Diese Forderung wurde von insgesamt etwa 2500 Wissenschaftlern unterstützt, also etwa ein Viertel der Gesamtheit(1).

 

Wir erwarten, dass die Regierung zu ihrem Wort steht und die im Regierungsprogramm vorgesehene Einheitskurie aller definitiv gestellten Wissenschaftler umsetzt(2). In jedem Fall aber beharren wir vehement auf unserer Forderung nach einer Professorenkurie, die zumindest alle habilitierten Professoren umfasst.

 

In den führenden Wissenschaftsnationen (z.B. USA) ist es völlig selbstverständlich, dass alle selbständigen Wissenschaftler in einer gemeinsamen Gruppe (Faculty) vereinigt sind. Genau das ist ihr Erfolgsgeheimnis; denn die Wissenschaft gedeiht in Ländern mit flachen Hierarchien nachweislich am besten(3). Dass Österreich hier rückständig ist, beruht vor allem darauf, dass kaum jemand die mittelalterlich-feudalen Zustände an den Unis kennt. Obwohl wir unsere Forderung stets offen vorgetragen haben, vernahmen wir niemals ein sachlich überzeugendes Gegenargument(4). Wir wünschen offene Diskussionen(5) und hoffen eingebunden zu werden!

 

Die Zwei-Klassengesellschaft ist leistungsfeindlich; denn sie verhindert faire Wettbewerbsbedingungen(6) und treibt die Wissenschaftler außerhalb der Professorenkurie vielfach in die Abhängigkeit. Wissenschaftlicher Eifer lebt sehr wesentlich von Unabhängigkeit und Selbständigkeit; somit ist dieser Zustand untragbar. Gerade der exzellente Nachwuchs ist sehr früh selbständig und sollte daher nicht durch Abhängigkeit behindert werden. Leider sind aber viele Wissenschaftler trotz herausragender Leistungen sogar bis ins Pensionsalter von den Professoren in der Professorenkurie abhängig oder zumindest nicht gleichberechtigt (z.B. bei der Verteilung der Mittel für die Forschung). Damit verzichtet Österreich auf ein immenses wissenschaftliches Potential!

 

Sie, Herr Minister, haben nun die Möglichkeit, hier ohne jegliche Kosten korrigierend einzugreifen, indem Sie die künstliche Standesgrenze zwischen Wissenschaftlern, die dasselbe leisten(7), per Gesetz abschaffen. Österreichs Wissenschaft würde aufatmen und neuen Mut schöpfen!

 

Hochachtungsvoll, Ihr

(im Namen der Unterschriftenaktion)

Dr. Stefan Galler, FB Zellbiologie, Uni Salzburg, Hellbrunnerstraße, 34, 5020 Salzburg; Tel: 0662-8044-5618; Stefan.Galler@sbg.ac.at

Dr. Reinhard Dallinger, Inst. Zoologie, Uni Innsbruck, Technikerstraße 25, 6020 Innsbruck; Tel. 0512-507-6182, Reinhard.Dallinger@uibk.ac.at

Dr. Rony G. Flatscher, Inst. Betriebswirtschaftslehre u Wirtschaftsinformatik WU Wien; Augasse 2-6; 1090 Wien; Tel. 01-31336-4881; Rony.Flatscher@wu-wien.ac.at

 

PS: Der Brief geht zur Kenntnisnahme an Medienvertreter

(1) Zu den Unterzeichnern gehörten auch über 150 Professoren aus der Professorenkurie, viele Rektoren und die Bundes-ÖH. Die Namen der Unterzeichner siehe hier: http://www.sbg.ac.at/aggaller/doz/aosign.htm

(2) Man beachte unseren Brief an BM Dr. J. Hahn vom 30.1.2007, in dem wir die Einheitskurie begrüßten, und das Antwortschreiben von SC Dr. Faulhammer (Anlage „Dr.Faulhammer0307“).

(3) R. May, „Scientific Wealth of Nations“. SCIENCE, Vol. 275, 793 ff (1997). Abschließend wird festgestellt: „The nonhierarchical nature of most North American and northern European universities, coupled with the pervasive presence of irreverent young undergraduate and postgraduate students, could be the best environment for productive research.

(4) In einer Presseaussendung vom 13.12.2002 wies die Professorenkonferenz (PROKO) unsere Forderung mit der Feststellung zurück, dass die fachlichen Ausrichtungen und Spezialisierungen der außerordentlichen ProfessorInnen nicht unbedingt dem Bedarf an Professuren entsprechen würden (siehe Anlage „Proko2002“). Diese Ansicht ist nicht akzeptabel; denn international anerkannte wissenschaftliche Leistung ist immer zu würdigen, völlig unabhängig von fachlicher Ausrichtung und Spezialisierung! Ansonsten entstehen für das Land unverzeihliche Nachteile. Wie sich diese Art der Diskriminierung auswirken kann, zeigt das Beispiel von Österreichs Vorzeigewissenschaftlerin, Frau Renee Schröder. Sie blieb bei einem Berufungsverfahren (Bewerbung um Aufnahme in die Professorenkurie) an ihrer eigenen Universität unberücksichtigt; siehe DiePresse 2004: http://www.sbg.ac.at/aggaller/PRESSE_Schroeder.pdf

Im Übrigen fand dieses „Argument“ der PROKO keine Berücksichtigung als man sehr viele Wissenschaftler nach der Habilitation in die Professorenkurie überleitete (etwa 1/3 der Kurienprofessoren mit Stand vor einigen Jahren). 

(5) Da unsere Forderung durch 2500 Proteststimmen getragen wurde, haben wir Frau Minister E. Gehrer gebeten (Brief vom 12. Juni 2003), eine Diskussionsrunde zu diesem Thema einzuberufen. Darauf wurde uns nie geantwortet. Von Gegnern unserer Forderung wurde uns lediglich die in (4) genannte Presseaussendung zur Kenntnis gebracht. Außerdem tauchte unter dem Titel „Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit“ eine über Email-Attachment kolportierte anonyme „Petition“ auf, die unser Anliegen niederträchtig verhöhnte (siehe Anlage „petition“).

(6) Hier sei zusätzlich noch erwähnt, dass die von der Professorenkurie dominierten Senate an den (meisten) Universitäten die Hausberufung durch Satzungsbestimmungen erschwert haben. Demnach haben Bewerber aus dem eigenen Haus nur Chancen auf eine Berufung, wenn sie besser qualifiziert sind als Bewerber von außen. In freien Wirtschaftsbetrieben wären solch diskriminierende Regelungen undenkbar; denn nur wer seine besten Mitarbeiter durch attraktive Aufstiegschancen zu halten versucht, kann in der Konkurrenz bestehen.

(7) Hin und wieder wird fälschlicherweise kolportiert, dass die Hauptleistungsträger der Unis im Wesentlichen nur unter den Kurienprofessoren zu finden seien. In Wahrheit aber dürften die Professoren außerhalb der Professorenkurie in etwa dieselbe Durchschnittsleistung erbringen wie die Professoren innerhalb der Professorenkurie. Sollte das Ministerium dieser Behauptung keinen Glauben schenken, soll es die Leistungen der verschiedenen Gruppen nachprüfen! 2500 Proteststimmen wären Anlass genug, um der Sache nachzugehen, falls Unterschiedliches behauptet wird!

Im Übrigen müsste ein tatsächlich leistungsbasiertes Hierarchiesystem die Gruppe der Besten immer wieder neu mit erheblichem Aufwand ermitteln. Dauerhafte Standesschranken innerhalb einer Berufsgruppe sind immer leistungshemmend!

 


Die Hierarchie unter den Universitätslehrern (vereinfachte Darstellung)

 

1) Professorenkurie in allen Gremien mit absoluter Macht ausgestattet (50% plus eine Stimme)

Bestehend aus folgenden „Kurienprofessoren“ (vereinfachte Darstellung):

1)     Ordentliche UniversitätsprofessorInnen“ (o.Univ.Prof.), durch Berufung eingesetzt, bis auf wenige Ausnahmen alle habilitiert (etwa 2/3 der Kurienprofessoren mit Stand vor einigen Jahren)

2)     UniversitätsprofessorInnen“ (Univ.Prof.), nach der Habilitation ohne Berufungsverfahren in die Professorenkurie übergeleitete ProfessorInnen (etwa 2/3 der Kurienprofessoren mit Stand vor einigen Jahren); früher „außerordentliche Univ.ProfessorInnen“ genannt.

3)     UniversitätsprofessorInnen“ neueren Typs. Im UG 2002 berufene ProfessorInnen, mit Habilitation oder vergleichbarer Qualifikation (Zahl uns nicht bekannt)

 

2) Der Rest einschließlich der auszubildenen Wissenschaftler („Mittelbau“, allerdings ohne Organisationsstruktur) bestehend aus:

1)     Außerordentliche UniversitätsprofessorInnen auch UniversitätsdozentInnen genannt (ao.Univ.Prof., alle habilitiert); der Funktion nach den Kurienprofessoren zugeordnet, aber organisatorisch dem „Mittelbau“ zugeordnet. Die Zahl dieser Personengruppe dürfte etwa doppelt so groß sein wie die Zahl der Kurienprofessoren.

2)     AssistenzprofessorInnen (nicht habilitiert, allerdings mit Leistungs- und Bedarfsprüfung)

3)     Univ.LektorInnen und andere nicht-festangestellte WissenschaftlerInnen

4)      WissenschaftlerInnen in Ausbildung (ProjektassistentInnen, DoktorandInnen etc.)