20. Mai 2008 Brief an BM Dr. Hahn, CC Frau Brinek, Herrn Broukal sowie dem Büroleiter des Bundesministers, Herrn Pichl

 

 

Sehr geehrter Herr Bundesminister! Lieber Herr Dr. Hahn!

 

Herzlichen Dank für den Antwortbrief, den Ihr Büroleiter, Herr Mag. Elmar Pichl mir gestern zugesandt hat. Jeder Gedankenaustausch wird von uns vehement begrüßt, und darum haben wir diesen Brief auch auf unsere Homepage (http://www.sbg.ac.at/aggaller/EK/) gestellt. Gerade das von Herrn Pichl angeführte Beispiel Columbia University (eine von drei im US-Brief angesprochenen Top-Universitäten) zeigt sehr schön, dass das Faculty-Prinzip auch in sehr großen Universitäten erfolgreich wirkt! Ich sehe keinen Grund, warum es also an den (kleineren) österreichischen Universitäten nicht funktionieren sollte. Die von uns vorgeschlagene Systemänderung wirkt sich auf alle Gruppen positiv aus, außer auf leistungsunwillige Kurienprofessoren – sollte es diese wirklich geben.

 

Ich möchte Sie hiermit auf meinen heutigen Gastkommentar in der PRESSE aufmerksam machen (http://diepresse.com/home/meinung/gastkommentar/384887/index.do)  und nachfolgend in wenigen Zeilen auf Dinge hinweisen, die noch nicht klar genug formuliert wurden.

 

Gesetze und Befindlichkeit am Arbeitsplatz

Wir versuchen der Politik verständlich zu machen, wie sich die Gesetzeslage (Gremienzusammensetzung etc.) unmittelbar auf die Arbeitssituation und die Befindlichkeit der Wissenschaftler auswirkt: Die Kurienprofessor(inn)en genießen laut Gesetz eine Sonderstellung und besitzen in den Gremien die absolute Macht. Ist es da verwunderlich, dass ein Gefühl des Hervorgehoben-Seins besteht? Es ist daher wohl auch klar, dass exzellente WissenschaftlerInnen außerhalb der Professorenkurie nicht als  ebenbürtig betrachtet werden (können). Diese Situation ist natürlich nicht sachdienlich. Erst dann, wenn „alle gemeinsam an einem Tisch“ sitzen (wie in USA), wird sich das ändern. Erst dann sind Koalitionen der Exzellenten diesseits und jenseits der ehemaligen „Standesschranke“ möglich.

Die herausgehobene Stellung führt oft dazu, dass sich Kurienprofessor(inn)en gegenüber selbständigen WissenschaftlerInnen außerhalb der Professorenkurie als paternalistische Verantwortungsträger sehen. In vielen Fällen überfordert man sich mit dieser vermeintlichen Verantwortung, da sie aus rein sachlichen Gründen nicht wahrgenommen werden kann. Es ergeben sich zwangsläufig Konflikte und Reibungen, die beide Seiten belasten. Die Kultur des Miteinanders ist dann nicht möglich oder zumindest gestört. Aber dies hat alles nichts mit den Charakteren der handelnden Personen zu tun, sondern ist ausschließlich durch das System verursacht („Standesschranke“ zwischen Personen mit gleichen Aufgaben und wohl auch gleichen Fähigkeiten).

 

Ungleiches Engagement in unterschiedlichen Gruppen?

In Ihrer Diskussionsrunde in Salzburg (29.4.08) ist mir aufgefallen, dass unter Politikern die Ansicht zu herrschen scheint, nur wenige aus dem Mittelbau seien in Qualität und Engagement mit Kurienprofessor(inn)en vergleichbar. Das ist absolut haltlos und sachlich nicht gerechtfertigt. Es ist uns bewusst, dass es in allen universitären Beschäftigungsgruppen hin und wieder zu einer Verringerung des Engagements kommen kann. Unter WissenschaftlerInnen ist dies aber sicherlich eine vergleichsweise geringe Gefahr, da jede/r ja von sich aus nach Erkenntnisgewinn, schöpferischer Entfaltung und Anerkennung etc. sucht. Im Gegensatz zur Professorenkurie besteht im Mittelbau sogar noch ein zusätzlicher Leistungsanreiz, nämlich die Chance aufzusteigen (leider aber aufgrund der Stellenknappheit oft eher aussichtslos).

 

Wir haben schon  2002 einen Leistungsvergleich zwischen beiden WissenschafterInnen-Gruppen angeregt. Wir sind absolut davon überzeugt, dass auf beiden Seiten der „Standesschranke“ gleiches Engagement und gleiche Fähigkeiten vorhanden sind. Nur stehen den Kurienprofessoren, im Gegensatz zum Mittelbau, ungefragt die nötigen Ressourcen zur Verfügung. Ich habe mir im Zuge der Unterschriftenaktion überaus viele persönliche Schicksale aus ganz Österreich anhören müssen. Das macht mich in meiner Einschätzung der Lage so sicher. In diesem Sinne stehe ich gerne für weiteren Gedankenaustausch zur Verfügung.

 

Herzliche Grüße

Ihr Stefan Galler