Ausschnitt aus dem Brief an BM Dr. J. Hahn am 30. April 2008 als Nachtrag zur Diskussionsrunde in Salzburg am Vortag

 

 

Sehr geehrter Herr Bundesminister! Lieber Herr Dr. Hahn!

 

Allerbesten Dank für Ihre Diskussionsbereitschaft, die Sie gestern in der Sitzung in Salzburg gezeigt haben! Ich habe aus dem gestrigen Tag etwas sehr Wichtiges gelernt: Man versteht momentan noch nicht, dass all Ihre wichtigen Ziele durch die Einheitskurie zu erreichen wären!

 

Mehr Leistung

Mehr Leistung kann nur durch fairen Wettbewerb zustande kommen. Herrscht eine Standesschranke, so entzieht sich die Oberschicht dem Wettbewerb und unterdrückt die Unterschicht (Ausbeutung). Hieß es nicht gestern, es darf nicht sein, dass Kurienprofessoren die Ressourcen plötzlich mit neuen, übergeleiteten Professoren teilen müssen? Die Ressourcen sind momentan also nicht – trotz der Zielvereinbarungen des UG02 – leistungsabhängig verteilt! Wenn das so ist, dann ist völlig einsichtig, warum Lobbyisten aus dem Kreis der Kurienprofessoren gegen die Abschaffung der Standesschranken sind! Mehr als 150 der von uns gesammelten 2500 Proteststimmen stammen aber von Kurienprofessoren. Es gibt also genügend Kollegen in der Professorenkurie (ich denke, die satte Mehrheit), die den freien Wettbewerb nicht fürchten, weil sie leistungsstark sind. Auch ich fühle mich leistungsstark, und darum brauche ich unterhalb von mir – also an der Grenzlinie Habilitation – keine Standesgrenze. Im Gegenteil, ich würde mich überaus freuen, wenn meine Gruppe möglichst groß wäre (alle selbständigen WissenschaftlerInnen), sodass ich möglichst viele Partner finde, die genauso engagiert arbeiten wie ich!

 

Chancen für die besten Köpfe

Wissenschaftler forschen und lehren nicht deswegen, weil ihre Chefs ihnen das verordnen, sondern weil sie es irrsinnig gerne tun. Sie freuen sich, in der internationalen Fachwelt bzw. vor den Studenten anerkannt zu sein. Anordnungen von oben oder gar ein Mitnaschen an Forschungsergebnissen durch Vorgesetzte wirken extrem demotivierend. Wären die jungen Forscher gleich nach der Ausbildung gleichberechtigt (wie in der Faculty der USA, bitte nachprüfen!), dann wäre das alles kein Thema. Gestern wurde ganz klar ausgesprochen, dass „die Kultur des Miteinanders“ an den Instituten zu verbessern wäre. Wie soll das möglich sein, wenn zwischen selbständigen Wissenschaftlern, die gleiches leisten, eine Standesschranke herrscht?!

 

In der gestrigen Sitzung hat uns Herr Broukal erzählt: Ein Kurienprofessor hat einer Wissenschaftlerin ihren Assistenten weggenommen, nachdem ihr ein FWF-Projekt zuerkannt worden war. Das zeigt doch Folgendes: Man sieht es nicht gerne, wenn Jüngere selbständig arbeiten; denn man verliert dadurch Zuarbeiter! FWF-Projekte bedeuten Finanzmittel, die unabhängiger machen. Verhinderung von Selbständigkeit erleben wir leider viel zu oft. Im Rahmen der Unterschriftenaktion mussten wir erfahren, wie weit verbreitet das ist. Das treibt uns auf die Barrikaden!

 

Herr Minister, inzwischen ist Ihnen sicher klar: Wir wollen Wettbewerb! Wir wollen Wettbewerb nicht bloß einmal im Berufungsverfahren; wir wollen Wettbewerb an jedem Tag! Die Standesgrenze verhindert dies, und darum gehört sie beseitigt.

 

Hochachtungsvoll,

Ihr Stefan Galler

 

Absender:

ao. Univ. Prof. Dr. Stefan Galler, FB Zellbiologie, Univ. Salzburg, Hellbrunnerstr. 34, A-5020 Salzburg

Tel.: 0043 662 8044 5618, Fax: 0043 662 8044-144; Homepage: http://www.sbg.ac.at/aggaller/