Ennodius –
Handschriftliche Überlieferung und Editionen
Die folgende Darstellung folgt
dem Beitrag Christian Rohr, Zum Theoderich-Panegyricus des Ennodius.
Textkritische Überlegungen im Rahmen einer Neuedition und Übersetzung, in:
Hermes 125 (1997) 100-117, hier 101-103. Die verwendeten Siglen beziehen sich
auf die Edition des Panegyricus Theoderico regi dictus in Christian
Rohr, Der Theoderich-Panegyricus des Ennodius (MGH Studien und Texte 12,
Hannover 1995).
Die handschriftliche
Überlieferung der Werke des Ennodius lässt sich in zwei Stränge einteilen,
wobei der eine Strang nur durch die Handschrift Brüssel, Bibl. Royale 9845-9848
(B) repräsentiert wird. Die vermutlich im Kloster St. Vaast in Arras unter
Beteiligung eines Schreibers aus Lorsch entstandene Handschrift ist auf den
Zeitraum 825/840 datierbar und somit älter als alle anderen Handschriften. An
den umstrittenen Textpassagen kommt die in B überlieferte Lesart dem
ursprünglichen Text vermutlich am nächsten. Allerdings wurde eine Unzahl von
Buchstabenvertauschungen, welche offensichtlich von der heute verlorenen
Vorlage übernommen wurden, nicht korrigiert. Allein im Text des Panegyricus
lassen sich über 160 e/i-Vertauschungen finden; dazu kommen ae/e-Vertauschungen,
o/u-Vertauschungen und b/v-Vertauschungen. Seltener sind Wörter, bei denen der
Endkonsonant durch Haplographien bzw. Dittographien fehlt oder abundant ist,
sowie falsch gesetzte Wortgrenzen.
Auch die heute nicht mehr
erhaltene Vorlage von Vatikan, lat. 3803 (V), der ältesten Handschrift des
zweiten Überlieferungsstranges aus dem dritten Viertel des 9. Jahrhunderts,
wies vermutlich eine hohe Anzahl an Buchstabenvertauschungen auf. Viele der in
B überlieferten Vertauschungen wurden aber in V korrigiert, sofern man davon
ausgeht, dass nicht auch die Vorlage von V relativ wenige
Buchstabenvertauschungen - im Vergleich zu der Vorlage von B - enthielt. Aus
philologischen, aber auch aus inhaltlichen Gründen kann davon ausgegangen
werden, dass auch die Vorlagen von B und V schon deutliche Unterschiede
aufwiesen.
Alle anderen
Ennodius-Handschriften, die heute erhalten sind - weitere 13 enthalten auch den
Text des Panegyricus -, stammen eindeutig von V ab. Dabei sind drei
Untergruppen zu scheiden: Der "englische Zweig" ist durch die beiden
Handschriften London, Lambeth Palace 325, s. IXex
(L), eine direkte Abschrift von V, und Berlin, Deutsche Staatsbibliothek
Phillipps 1715, s. XII (P), eine Kopie von L repräsentiert. Ihr Wert für die
Texterstellung ist eher gering. Einem zweiten Zweig gehören die beiden
Handschriften León, Bibl. Catedral 33, s. XII/XIII (C) und Escorial, d. III.
22, s. XIIIin (E1)
an; sie stammen über eine verlorene Zwischenstufe von V ab. Auch diesen
Handschriften kommt wenig philologische Bedeutung zu. Der dritte Zweig, bei dem
wiederum die direkte Abschrift von V nicht mehr erhalten ist, umfasst vor allem
eine Abschrift aus Clairvaux aus der Zeit um 1200, die offensichtlich schon im
13. Jahrhundert auf die drei Sammelhandschriften Troyes, Bibl. Municipale 658,
461 und 469 (T) aufgeteilt wurde. Sie weist an manchen Stellen gute Konjekturen
auf. Die übrigen Handschriften des dritten Zweiges stammen aus dem 14. bis 16.
Jahrhundert. Manche wurden mit einem beachtlichen Buchschmuck ausgestattet; der
in ihnen überlieferte Text ist allerdings bisweilen bis zur völligen
Unverständlichkeit entstellt, so dass sie bloß als Zeugnisse für das
Nicht-Verstehen des Ennodius herangezogen werden können. Schließlich existieren
einige frühneuzeitliche Abschriften von V, die am ehesten als "Sicherheitskopien"
zu werten sind.
Für den Editor sind folglich
vor allem B und V von Bedeutung. Eine Reinigung des Textbestandes von den
Buchstabenvertauschungen ist aus zweierlei Gründen legitim und notwendig:
Einerseits ist kaum anzunehmen, dass diese Vertauschungen schon aus der Zeit
des Ennodius stammen. Andererseits wäre der an sich schon schwer verständliche
Text für eine historische oder philologische Auswertung völlig unbrauchbar.
Erst relativ spät entstand die
erste Drucklegung der Werke des Ennodius: Im Jahr 1569 erschien in Basel die
nicht ganz vollständige und noch unausgereifte editio princeps von J. J.
Grynaeus (b). In den nächsten 42 Jahren allerdings erwachte das Interesse der
Editoren an den Werken des Ennodius im allgemeinen, besonders aber am
Panegyricus. Aus dem Jahr 1611 entstammen die beiden Werkeditionen von A.
Schott (Sc) und J. Sirmond (Si); letztere Edition wurde im 17.
und 18. Jahrhundert mehrmals nachgedruckt und blieb bis ins späte 19.
Jahrhundert maßgeblich. Während die Edition von Schott trotz der Verwendung von
B von mäßiger Qualität ist, besteht die lange Verwendung der Edition von
Sirmond durchaus zurecht: Mit viel Gefühl wählte er aus schon bestehenden
Konjekturen zumeist die besten aus. Daneben entstanden im späten 16.
Jahrhundert auch Quellensammlungen zur Geschichte der Ostgoten, in denen neben
Werken Cassiodors und der Gotengeschichte des Iordanes auch der Panegyricus
enthalten war (p1-p5).
Die insgesamt fünf Ausgaben, die sich jeweils leicht durch neue Konjekturen
sowie durch Textvarianten am Rand unterscheiden, zeugen vom lebhaften Interesse
am Panegyricus in dieser Zeit. Neben groben Schlampereien weisen diese
Editionen nicht selten sehr gute Textemendierungen auf.
Die Edition von Sirmond wurde
erst durch die beiden letzten Gesamteditionen von W. von Hartel (CSEL VI, Wien
1882) (Ha) und F. Vogel (MGH AA VII, Berlin 1885) (Vo) überholt.
Dabei ist eindeutig der Edition von Vogel der Vorzug zu geben.
Literatur
zur Überlieferungs- und Wirkungsgeschichte des Ennodius