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KAPITEL

1. Einleitung
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2. Deutschland 1933: Machtübernahme durch die Nationalsozialisten
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3. Österreich zwischen 1933 und 1938 als Asyl- und Transitland
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4. Rechtliche Grundlagen des Asyl- und Fremdenrechts in Österreich zwischen 1933 und 1938
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5. Zur Asylpraxis nach 1933
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6. Fremdengesetz gegen deutsche Flüchtlinge 1935-1938
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7. Deutsche Schriftsteller/innen im österreichischen Exil
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8. Verlage
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9. Carl Zuckmayer
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10. August Hermann Zeiz
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11. Hubertus Prinz zu Löwenstein und der Aufbau der "American Guild for German Cultural Freedom"
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12. Theater und Film
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13. Anhang
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Ulrike Oedl:
Das Exilland Österreich zwischen 1933 und 1938

Verlage


Noch schwieriger war es, in Österreich einen Verlag zu finden. Die Bücherverbrennungen im Mai 1933 waren das Signal für einen tiefgreifenden Wandel im deutschsprachigen Buchmarkt. (vgl. Hall 1985, I., 125)

Der Buchhandel begann sein Angebot im Sinne der NS-Schrifttumspolitik zu verändern. Die sich in einer wirtschaftlichen Krise befindliche österreichische Verlagslandschaft war traditionell vom deutschen Markt abhängig. Zunehmend der politischen Zensur im eigenen Land ausgesetzt, kam nun in vielen Fällen eine vorauseilende, sich den Geschäftsinteressen unterordnende Selbstzensur hinzu, wie es sich am Paul Zsolnay-Verlag zeigte. Ihren Ausdruck fand diese in der zunehmenden Distanz zu linken oder jüdischen Schriftstellern. Neben den repressiven kulturpolitischen Maßnahmen des "Ständestaates" wie Ausschaltung unerwünschter Zeitungen, Bücherverbote, Zensur oder der Säuberung von Arbeiterbibliotheken, von denen hauptsächlich linksstehende Autoren betroffen waren, begann sich auch die Indienstnahme der Literatur zu propagandistischen Zwecken auszuwirken. Ab 1934 war eine "bodenständige", formal konservative Literatur gefragt, die Heimatkult, Religiosität, aber auch eine verklärte Sicht auf die Habsburgermonarchie in den Mittelpunkt ihres Schaffens stellte. Eine derartige Literatur, geeignet zur Erziehung der Bevölkerung "im österreichischen Geiste", war sich staatlicher Förderung gewiss. Zu den geförderten Autoren gehörten u. a. Karl Heinrich Waggerl, Ernst Scheibelreiter, Rudolf Henz, Franz Karl Ginzkey, Karl Schönherr. Die meisten österreichischen Verlage stellten ihr Angebot dementsprechend um. (vgl. Achberger 1994, Aspetsberger 1980)

Gsur-Verlag

Eine Ausnahme war der Gsur-Verlag. Er vertrat als einziger österreichischer Verlag eine kompromisslose antinationalsozialistische Linie. In dem 1930 vom katholischen Sozialphilosophen und Dritten Vizebürgermeister von Wien Ernst Karl Winter gegründeten Verlag erschienen u. a: "Müller. Die Chronik einer deutschen Sippe" von Walter Mehring (1935); "Unsere Töchter, die Nazinen" von Hermynia Zur Mühlen (1935); "Mit der Ziehharmonika" von Theodor Kramer (1936). Mehring und die gebürtige Österreicherin Zur Mühlen gehörten zu den aus Deutschland Geflüchteten, der deutsche Gesandte Franz von Papen legte gegen das Erscheinen dieser Romane eine Protestnote beim Bundeskanzleramt ein und forderte aufgrund deren antinationalsozialistischer Tendenzen ein Verbot. Im ersten Fall (Mehring) kam man dem Ersuchen nicht nach, scheinbar bot auch kurz vor dem Juli-Abkommen die "antinationalsozialistische Tendenz" keinen hinreichenden Grund zum Einschreiten.

Zur Mühlen, Hermynia zeigen

Anders ging man im zweiten Fall vor, hier "entdeckte" man darüber hinaus "marxistisch-kommunistische Propaganda". Mit dem Verbot des Romans entsprach man den deutschen Wünschen, wenn auch anders begründet. Das Ende des Verlags im Oktober 1936 fiel mit der polizeilichen Beschlagnahme eines Beihefts der von Winter herausgegebenen Zweimonatsschrift "Wiener Politische Blätter" zusammen. "Monarchie und Arbeiterschaft" war der Titel des inkriminierten Heftes und Winter wurde beschuldigt, darin sozialistische Ideen und marxistische Propaganda zu verbreiten. Die "Wiener Politischen Blätter" wurden für immer eingestellt und Ernst Karl Winter seines Amtes als Vizebürgermeister enthoben. 1938 ging er in die USA ins Exil, von dort kehrte er erst 1955 nach Österreich zurück, wo er 1959 starb.

Ein Verlag im Exil: Der Bermann-Fischer-Verlag in Wien

Von besonderem Interesse ist dieser Verlag, dessen Autorenverzeichnis sich wie ein "Who is Who" deutschsprachiger (Exil-)Literatur liest, auch durch seine Förderung österreichischer Literatur. Neben den Werken Thomas Manns, Alfred Döblins, Annette Kolbs, René Schickeles, Carl Zuckmayers finden sich die von Peter Altenberg, Richard Beer-Hoffmann, Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler, Robert Musil. Für diese Autoren, zu einem überwiegenden Teil verboten und ins Exil getrieben, existierte mit diesem Verlag auch nach 1933 eine Möglichkeit, ihre Werke zu veröffentlichen.


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