Die Messen der Champagne

Autorin: Gielesberger Ingrid

Inhaltsverzeichnis


0. Einleitung
1. Ursprung und Bedeutung der 'großen' Messen der Champagne

1.1. Markt- und Messewesen im Mittelalter
1.2. Die 'großen' Messen der Champagne
1.3. Organisation und rechtliche Grundlagen
1.3.1. Schutzherrschaft, Privilegien und wirtschaftliche Anreize
1.3.2. Messezyklus

2. Handels- und Organisationsformen der Champagnemessen

2.1. Der Aufstieg der Messen der Champagne zu 'Welthandelszentren'
2.1.1. Der internationale Charakter der Warenmessen
2.1.2. 'Internationalität'
2.1.3. Deutsche Kaufleute und der Hansehandel
2.2. Organisations- und Handelsformen der Champagnemessen
2.2.1. Messeeinrichtungen zum Schutze des Warenhandels
2.2.2. Handels- und Kaufmannsorganisationen

3. Zeit des Niedergangs oder neue Blütezeit?

3.1. Von 'internationalen' Warenmessen zu europäischen Finanzmärkten
3.2. Der Verfall der 'großen' Messen der Champagne
3.2.1. Theorien und Hypothesen
3.2.2. Das Weiterleben des Messewesens

Literaturverzeichnis

 



 

 

 

0. EINLEITUNG

Navigare necesse est, vivere non est necesse
Devise der Hanse

Reisen im Mittelalter bedeutete, viele Gefahren und Entbehrungen auf sich zu nehmen und womöglich sein Leben auf einer beschwerlichen und langen Fahrt zu verlieren. Dennoch herrschte stets rege Mobilität zu Land und zu Wasser, denn neben Pilgern und Kreuzfahrern waren es vor allem aus allen Teilen Europas herbeiströmende Händler und Kaufleute, die das unwegsame Gelände durchstreiften und schlechtes Wetter, Räuber und Plünderer sowie weite Distanzen nicht scheuten, um neue Länder, Waren und (Absatz-)Märkte zu erschließen und zu nutzen. Für die Erreichung dieses Zieles waren sie bereit, ihr Leben einzusetzen, angetrieben von der Hoffnung auf wirtschaftlichen Gewinn und getragen von der Idee, daß es wichtig sei, Handel zu treiben und zu reisen (navigare necesse est).

Seit dem 11. Jahrhundert füllten sich antike und bedeutende europäische Fernhandelswege, welche Nord- und Osteuropa mit dem Mittelmeerraum verbanden, wieder mit neuem Leben, begünstigt durch einen allgemeinen Wirtschaftsaufschwung und einer daraus resultierenden kontinuierlichen Zunahme an Handelsreisenden. Die Reise- und Handelstätigkeiten wurden in späterer Zeit vor allem durch Zusammenschlüsse von Händlern und Kaufleuten in sogenannten Eidgemeinschaften (conjurationes), Handelsgesellschaften oder durch Städtebünde - wie etwa im Falle der deutschen Hanse - wesentlich erleichtert. Sie brachten nicht nur ein Mehr an ökonomisch-politischen Vergünstigungen für Händler und Kaufleute mit sich, sondern trugen in gleicher Weise auch zur Erschließung neuer Wirtschaftsgebiete und zur Ausweitung der Handelsbeziehungen, über die bisher bekannten Grenzen hinaus, bei. Entscheidend für eine beginnende 'Internationalität' des europäischen Wirtschaftslebens zu jener Zeit waren aber auch die Knotenpunkte der Fernhandelsrouten, wo sich Händler und Kaufleute regelmäßig versammeln und ihre aus dem europäischen und orientalischen Raum mitgebrachten Waren vertreiben konnten.
Die Kaufmannschaft des Hochmittelalters kannte eine Vielzahl solcher 'internationaler' Wirtschaftszentren, wo Handel gewinnbringend betrieben werden konnte. Ökonomisch günstige Verhältnisse boten sich ihr vor allem auf Messen und Märkten, die ständig oder zumindest periodisch an Schnittstellen bedeutender Verkehrswege Europas abgehalten wurden, und wo Händler und Kaufleute die besten Voraussetzungen dafür fanden, möglichst hohe Gewinne zu erzielen, protektioniert durch den jeweiligen Landesherrn und favorisiert durch zahlreiche Vorrechte und Vergünstigungen. Solche speziellen Markt- und Messe-veranstaltungen bildeten sich seit dem 11. Jahrhundert in ganz Europa heraus und entwickelten sich in einigen Fällen in den nächsten beiden Jahrhunderten zu regelrechten Hochburgen des Waren- und Geldverkehrs. Als die Messever-anstaltungen schlechthin aber, die auch den bedeutendsten europäischen Wirtschaftszentren des Hochmittelalters zuzurechnen sind, galten die Messen der Champagne.

Seit der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts wurden unter der Schutzherrschaft des Landesherrn verschiedene Jahrmärkte und Messen in den Grafschaften Champagne und Brie abgehalten. Und obwohl eine Vielzahl gleichartiger Markt- und Messeveranstaltungen in Frankreich, Flandern, Deutschland oder Italien zu finden waren, stiegen im besonderen sechs Messen in vier Städten der Grafschaften Champagne und Brie im Laufe des 13. Jahrhunderts zu 'internationalen' Handelszentren - ja man könnte sogar sagen, 'Welthandelszentren' - auf. Es handelt sich hierbei um die Messen in Bar-sur-Aube, in der Grafschaft Brie, und jener in Troyes, Provins und Lagny, in der Grafschaft Champagne gelegen.
Warum aber fanden vor allem diese Messen der Champagne bei der europäischen Kaufmannschaft einen so großen Anklang und aus welchen Gründen konnten sie vielen anderen, benachbarten Messeveranstaltungen den Rang ablaufen? Worauf gründete sich nicht nur der Ruhm, sondern auch die 'Internationalität' der Champagne-Messen: aus welchen Teilen der damals bekannten Welt strömten Händler und Kaufleute und Waren herbei, und wie verlief das Leben eines Kaufmanns in diesen vier 'großen' Messestädten? All diese Fragen sollen in der hier vorliegenden Arbeit einer Antwort zugeführt werden. Jedoch sollte bei diesem Versuch ein wichtiger Bezugspunkt nicht aus den Augen verloren werden: jener der deutschen Hanse und deren Handelsbeziehungen zu den Messen der Champagne - wenn auch, wie ich gleich zu Beginn meiner Erläuterungen feststellen muß, die Quellenlage zu diesem besonderen Aspekt dürftig ist.


1. URSPRUNG UND BEDEUTUNG DER 'GROßEN' MESSEN DER CHAMPAGNE

1.1. Markt- und Messewesen im Mittelalter

Für den mittelalterlichen Handel, zu Zeiten schwächeren Verkehrs, speziell aber seit dem Wiederaufleben des Fernhandels um die Jahrtausendwende, der die "räumliche und zeitliche Trennung zwischen Erzeuger und Verbraucher, zwischen Angebot und Nachfrage" überbrückte, waren Märkte und Messen von besonderer Bedeutung, da sie einen Austausch von qualitativ hochwertigen Wirtschaftsgütern im europäischen Raum über weite Entfernungen hinweg sicherten.

Eine Messe könnte definiert werden als "eine Veranstaltung mit Marktcharakter, die ein umfassendes Angebot mehrerer Wirtschaftszweige oder eines Wirtschafts-zweiges bietet" und "im allgemeinen im regelmäßigen Turnus einmal oder mehrmals am gleichen Ort stattfindet." Unter dem Begriff 'Markt' wiederum versteht man im allgemeinen nicht nur das Marktgeschehen selbst, sondern auch den Ort seiner Abhaltung, den Marktplatz, und die Institution 'Markt' als dauerhafte Einrichtung, beispielsweise als einen Wochen- und Jahrmarkt oder eine Messe.
Diese beiden Definitionen geben zwar wesentliche Merkmale von mittelalterlichen Märkten und Messen wieder, doch werden vor allem jene Differenzen ausgespart, welche einen Markt klar von einer Messe abgrenzen, etwa was ihren Veranstaltungs-charakter und ihre Wesensart betrifft.
Märkte wurden seit dem Frühmittelalter in antiker Tradition regelmäßig in Europa, einmal oder mehrmals wöchentlich als forum oder mercatum hebdomadale oder jährlich als forum oder mercatum annuale abgehalten. Wochen- und Jahrmärkte galten dabei stets als Orte von lokaler wirtschaftlicher Bedeutung und charakterisierten sich im besonderen durch ihr beschränktes Einzugsgebiet und den eingeschränkten Handel, meist mit agrarischen Produkten, um Angebot und Nachfrage des Umlandes zu regulieren.
Solche Wochen- und Jahrmärkte, wie sie in Bischofsstädten, in der Nähe von Abteien oder Burgen errichtet wurden, bildeten dauerhafte Bindeglieder in einer Kette von wirtschaftlich bedeutsamen Handelsplätzen, an Knotenpunkten der europäischen Handelsrouten gelegen. Doch existierte neben diesen Marktformen seit dem Frühmittelalter auch ein Markt größeren Umfanges, welcher anfänglich als nundinum bezeichnet wurde, da er an jedem neunten Tag abgehalten wurde, später aber mit dem lateinischen Wort feria umschrieben wurde; was sich in der Bedeutung von 'Ruhe-, Fest und Feiertag' in den romanischen Sprachen als foire (französisch), feria (spanisch) oder fiera im Italienischen erhielt. Im germanischen Sprachraum hingegen, setzte sich für diesen Markt das Wort missa (lat. 'kirchlicher Festtag', 'Messe') in der Umgangssprache durch, als Bezeichnung für einen 'Mess-' oder 'Jahrmarkt'.
Eine missa wäre folglich einem größeren Jahrmarkt gleichzustellen - wie auch Schaube die Messe als einen Jahrmarkt "größeren Stils" mit überregionaler Bedeutung definiert, wobei der Übergang zwischen beiden "ein fließender" sei. Messen differenzierten sich jedoch in ihrer Dauer, ihrer räumlichen und wirtschaftlichen Strahlkraft sowie in ihrem religiösen Bezug von (Jahr-)Märkten:
Anfänglich waren Messen eng an kirchliche Fest- und Feiertage, beispielsweise an sogenannte 'Anniversarien' von Heiligen (anniversarium) gebunden. In periodischem Zyklus abgehalten, einmal oder zweimal im Jahr, entwickelten sie sich zu gerne besuchten Zentren religiöser Begebenheiten und zu Sammelpunkten großer politischer, sozialer und ökonomischer Bedeutung. Wo wirtschaftlich und politisch günstige Bedingungen herrschten, wurden Messen meist spontan vom jeweiligen Landesherrn eingerichtet und gestiftet und befanden sich häufig an Schnittpunkten europäischer Verkehrswege oder in geographisch günstiger Lage, wo Flußläufe etwa einen regen Handelsverkehr erlaubten. Messen waren also auf einen überregionalen Warenverkehr ausgerichtet, im Gegensatz zu Märkten, die in ihrer Entstehung und Entwicklung vom Fernhandel unabhängig waren. Außerdem durfte die internationale Kaufmannschaft, die sich auf einer Messe einfand, auch mit einem besonderen Schutz durch die weltliche Obrigkeit oder kirchliche Friedenseinrichtungen rechnen:
Besondere Sicherheit für Händler und Kaufleute versprach beispielsweise das landesherrschaftliche conductus (lat. 'Geleit'), zur sicheren An- und Abreise der Messekaufleute. Auch die Ausweitung des Stadtfriedens als Vorrecht der Stadtbürger auf einen Fernhändler, während seines Aufenthaltes auf der Messe, oder die Gewährung des sogenannten Ausnahmerechts - jenes Rechts, auf der Messe einen speziellen Frieden erwarten zu können - gestalteten die Messen nicht nur sicherer, sondern auch attraktiver.
Die wirtschaftliche und räumliche Strahlkraft einer Messe zu steigern, fiel vor allem dem Initiator einer Messeveranstaltung zu. Ein wirkungsvolles Mittel, war etwa die Vergabe von Privilegien durch den jeweiligen Landesherrn: gesenkte Zölle, Steuern und Weggebühren brachten für Händler und Kaufleute, die aus weit entfernten Ländern herbei reisten wirtschaftliche Vorteile mit sich. Eine weitere Besonderheit von Messen stellte die Suspension des kanonischen Artikels gegen den Wucher dar, denn Händlern und Kaufleuten war es somit erlaubt, Zinsen zu nehmen; wenn diese auch auf einen maximalen Zinsfuß beschränkt blieben.
Unter bestimmten Umständen konnte auch der Wegfall des Heimfallrechts, welches einen Lehensherrn oder eine andere herrschaftliche Person oder Gemeinschaft dazu berechtigte, mit Schulden belastete und geerbte Güter einer Person einzuziehen, erwirkt werden: ein effizientes Mittel, welches nicht nur die Sicherheit der Messekaufleute, sondern auch der Messebesucher selbst erhöhte. So mancher konnte sich des weiteren auch noch an anderen Vorrechten erfreuen, wie etwa am Wegfall der Ahndung von Strafen, da andernorts geltende Rechte durch eine eigene Messgerichtsbarkeit aufgehoben werden konnten.
Solche Vergünstigungen, Privilegien und Sonderrechte trugen viel zur politischen, wirtschaftlichen und sozialen Strahlkraft von Messen bei. Außerdem sollte der 'moderne' Mensch nicht vergessen, daß mittelalterliche Messen - wie auch Jahrmärkte heute noch - Orte des Vergnügens waren: Karten- und Würfelspiele, Theaterstücke oder Gaukeleien fanden dort ebenso ihren Platz wie musikalische Unterhaltung.
So erscheint es verständlich, daß Messen im Mittelalter sich nicht nur großer Beliebtheit bei einer Kaufmannschaft erfreuten, die auf einen möglichst großen Gewinn abzielte. 'Ita, missa est' sprach also der Geistliche, bevor er die Gläubigen aus dem Gottesdienst zur 'weltlichen' Messe entließ, wo sich kapitalkräftige Konsumenten und augenhungrige Zuschauer unter Händler und Kaufleute aus fernen Gegenden mischten ...


1.2. Die 'großen' Messen der Champagne

Unter Champagnemessen versteht man die in Lagny, Provins, Troyes und Bar-sur-Aube abgehaltenen, seit der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts belegten Jahrmärkte, die sich unter der Schutzherrschaft der Grafen der Champagne aus dem Hause Blois gegen Ende des 12. Jahrhunderts zu großen internationalen Messen entwickelten, im 13. Jahrhundert ihre Hochblüte erlebten und um die Mitte des 14. Jahrhunderts eingingen.

Diese kurze Definition umreißt nicht nur den zeitlichen Rahmen, in dem wir uns bewegen, sondern macht auch deutlich, daß unter dem Begriff 'Champagnemessen' nur die Messen der vier Städte Lagny, Troyes, Provins und Bar-sur-Aube zu verstehen sind - und dies obwohl zu ihrer Entstehungszeit eine Vielzahl anderer Messen in der Champagne veranstaltet wurden. Was dazu geführt haben könnte, daß lediglich unter diesen vier Messestädten der allgemeine Begriff 'Messen der Champagne' subsumiert wurde, soll kurz anhand einiger Erläuterungen zu ihrem Entstehen und ihrer Entwicklung erklärt werden:
Seit dem 9. Jahrhundert bereisten vermutlich vereinzelt Kaufleute sowohl den seit der Römerzeit bestehenden Handelsweg zwischen der Nordsee und dem Süden Italiens als auch die Ost-Westrouten, welche den Flußläufen Seine und Marne folgend, bis in die Gebiete Burgunds führten. Beide seit dem Frühmittelalter an Bedeutung gewinnenden Verkehrs- und Handelswege durchkreuzten das Gebiet der Champagne, so daß ein regelmäßiger Durchzug von Fernhändlern aus verschiedenen Gebieten Europas als wahrscheinlich anzunehmen ist. Diese zwar unregelmäßige, doch kontinuierliche Präsenz von Kaufleuten in der Champagne, welche zweifellos dem Ansteigen des überregionalen Handels seit dem 12. Jahrhundert zuzuschreiben ist, bewog die Grafen der Champagne aus dem Hause Blois wohl dazu, Handelsmessen in großem Rahmen, und mit besonderen Privilegien ausgestattet zu veranstalten, um einen dauerhaften Handelsverkehr in ihren Herrschaftsgebieten zu garantieren.
Seit der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts sind Messen in Provins, Troyes, Lagny und Bar-sur-Aube urkundlich bezeugt - wenngleich einige, jedoch umstrittene Quellen ihr Entstehen früher datieren, beispielsweise die Messe von Troyes, welche auf das 5. Jahrhundert oder sogar auf die Römerzeit zurückgeführt wird.
Als gesichert gilt jedoch, daß Handelsmessen in den vier 'großen' Messestädten der Champagne bereits vor 1114, dem Zeitpunkt ihrer regelmäßigen Erwähnung, veranstaltet wurden, "allerdings in einem Übergangsstadium zwischen Markt und Messe, zwischen regionaler und internationaler Bedeutung."
Doch auch andere Städte der Champagne konnten mit gleichartigen Veranstaltungen aufwarten und verfügten über ebenso gute, wenn nicht sogar bessere Vorbedingungen zur Abhaltung von Messen als die vier Städte Troyes, Lagny, Bar-sur-Aube und Provins. Robert-Henri Bautier beispielsweise berichtet uns von Messen in Reims, Sens, Bar-sur-Seine und meint etwa zur alten römischen Siedlung Châlons-sur-Marne, daß diese geographisch viel besser an den Handelsrouten nach Deutschland, Italien und Flandern gelegen sei, als etwa Troyes, und darüber hinaus über eine eigenständige (Tuch-)Industrie verfügte.

Summa summarum war die Grafschaft Champagne zwar mit besonderen natürlichen Vorzügen gesegnet - beispielsweise mit ihrer günstigen geographischen Lage zwischen den Handelszentren in Flandern, Italien und dem Rhein- und Maingebiet im Norden, Süden und Osten Europas gelegen und ihrer politischen 'Neutralität', ihrer relativen Unabhängigkeit vom römischen Kaiser und dem französischen und deutschen König - doch wollten die Grafen der Champagne die Attraktivität der Messen in Troyes, Lagny, Bar-sur-Aube und Provins in hohem Maße steigern, mußten sie den sich bis zu diesem Zeitpunkt lediglich auf der Durchreise befindlichen Kaufleuten gut organisierte Messeveranstaltungen mit besonderen Anreizen bieten, die jene umliegender Messen wirtschaftlich und sicherheitspolitisch übertrafen.


1.3. Organisation und rechtliche Grundlagen

1.3.1. Schutzherrschaft, Privilegien und wirtschaftliche Anreize

Die Grafen der Champagne hatten von Anfang an die vier Städte Troyes, Lagny, Bar-sur-Aube und Provins gegenüber anderen, nicht weniger bedeutungsvollen Städten in der Champagne in besonderem Maße gestützt und deren Messen protegiert. Schon 1095 entschied sich beispielsweise Graf Etienne-Henri für die Stiftung der St. Ayoul-Messe in Provins, nachdem er der Stadt Hautvilliers, im nördlichen Teil seines Herrschaftsgebietes, das Recht, eine Messe einzurichten, ausgeschlagen hatte. Zwischen 1130 und 1136 wurde auch die Januarmesse von Épernay nach Troyes, dem Sitz der Grafen der Champagne, verlegt. Der Handel im nördlichen und östlichen Teil der Grafschaft wurde durch solche Maßnahmen von seiten des Landesherrn merklich zugunsten der bevorzugten südlich gelegeneren Städte geschwächt.

Auch die nachfolgenden Grafen der Champagne, Thibaud (Tedbald) II. (†1152) und Henri (Heinrich) I. († 1181), betrieben eine taktisch kluge Politik, um den Handel in den vier genannten Messestädten der Champagne zu steigern und zu konzentrieren.
Um durchziehende Kaufleute und Händler dazu zu bewegen, sich auf den Messen der Champagne regelmäßig einzufinden und geschützt Handel zu treiben, weitete Tedbald II. beispielsweise das Recht auf gräfliches Geleit auf alle zu den Handelsmessen an- und abreisenden Händler und Kaufleute aus. Somit trat er, über die Grenzen seiner Grafschaft hinaus, als Kläger für durch Raub oder Unglücksfälle geschädigte Messekaufleute auf. Privilegien dieser Art sollten in der Folgezeit zu den charakteristischen Elementen der Politik der Champagnemessen werden, da sie eine bedeutende Schutzgarantie für einen geregelten und kontrollierten Warenverkehr darstellten. Vorrechte solcher Natur wurden nämlich allen Messekaufleuten in gleicher Weise zuteil, da kein bedeutender bodenständiger Handel vor dem Aufstieg der 'großen' Messen in der Champagne existierte und jeder Kaufmann, ob nun einheimisch oder auswärtig, die durch den Landesherrn erteilten Privilegien in Anspruch nehmen konnte. In Zeiten, in denen auf europäischen Wirtschaftsplätzen oft Monopolbestrebungen die Reise und Handelstätigkeit fremder Händler erschwerten und beschnitten, besaßen solche Generalprivilegien einen hohen Stellenwert.
Für den wirtschaftlichen Aufstieg der Champagne-Messen war aber auch die Schaffung einer soliden Währung notwendig, so daß Tedbald sich für einen 'starken' provinois, den Denar aus Provins, einsetzte und ihn als die bedeutendste Münze auf den Champagnemessen stützte. Auch eine geschickte Heiratspolitik mit den Grafen von Flandern ab 1143 sicherte die Entwicklung der Champagnemessen zu 'internationalen' Handelsmessen, denn durch ein Abkommen mit dem größten Wirtschaftszentrum im Norden, Flandern, konnte nicht nur der Fernhandel von der Île de France und der Messe in St.-Denis abgelenkt, sondern auch die ständige Präsenz von flämischen Tuchhändlern auf den Messen gesichert werden. Außerdem strebte Tedbald eine Expansion seiner Herrschaftsgebiete nach Osten, in Richtung Lothringen und Burgund, an, was eine erneute Ausweitung der wirtschaftlichen Beziehungen für die Champenois bedeutete.
Die wirtschaftliche Prosperität der Messen der Champagne konnte des weiteren durch gemäßigte Eintrittsgelder, Benützungsgebühren und Steuern gesichert werden. Steuern auf Läden und Warenhäuser, auf An- und Verkauf von Waren, auf Gebäude und Ställe, die fremde Kaufleute während der Messzeit benützten, wurden zwar eingehoben, doch hielten sie sich - im Vergleich zu anderen gleichartigen Messeveranstaltungen - in Grenzen. Auch die auf Messen üblicherweise zu entrichtenden Abgaben auf Gewichte, Maße, An- und Abreise der Händler, die Gebühren für notarielle Beglaubigungen und die zu zahlenden Schutzgelder für Auswärtige waren gemäßigt. Die Grafen der Champagne verstanden es folglich, ihre Einnahmen aus den Messen niedrig zu halten, da derartige Vergünstigungen den Messekaufleuten höhere Gewinne und weniger Ausgaben versprachen.

Auch der Erbe Tedbalds, Heinrich I. war bestrebt, die politisch-staatliche und ökonomische Entwicklung der Champagne zu fördern.
Nachdem bereits Tedbald flandrische und später auch italienische Kaufleute dazu bewegen konnte, regelmäßig Handel auf den Champagnemessen zu treiben, gelang es seinem Nachfolger Heinrich I. wiederum, eine andere wichtige Gruppe von Fernhändlern in die Grafschaft zu locken: die deutschen Kaufleute. Als Getreuer von Friedrich Barbarossa, welcher ihm neun Burgen in Lothringen als Lehen gegeben hatte, konnte Heinrich durch eine nach Osten hin ausgerichtete Politik Handelskontakte zu deutschen Händlern und Kaufleuten ausbauen und die Messen der Champagne um eine weitere, bedeutende Klientel bereichern. Als einer der größten Förderer der Champagnemessen geltend, leitete der Graf auch eine rege Bautätigkeit in den vier Messestädten ein und förderte ihre industrielle Produktion: in Troyes wurden beispielsweise große Bauten errichtet und Provins erlebte zur Zeit Heinrichs einen wirtschaftlichen Aufschwung durch seine eigenständige Tuch- und Kleiderproduktion.

1.3.2. Messezyklus

Für den Aufstieg der Messen der Champagne von Handelsplätzen regionaler Bedeutung zu Messen von internationaler Geltung waren also mehrere Ursachen verantwortlich: die gute geographisch-politisch Lage der vier Messestädte, die landesherrschaftliche Unterstützung, die zahlreichen Privilegien und Vergünstigungen, die besondere wirtschaftliche Anreize boten, die Förderung einer eigenständigen Warenproduktion und der Ausbau der Messestädte ...
In der Fachliteratur wird jedoch neben diesen Faktoren, die für eine rasche und effiziente Entwicklung der Champagnemessen ausschlaggebend waren, immer wieder ein Aspekt in seiner Bedeutung unterstrichen: der besondere periodische Zyklus der Champagnemessen.

Ursprünglich wurden mehr als sechs Messen in mehr oder weniger unregelmäßigen Zeitabständen in den vier Messestädten der Champagne abgehalten, bis vermutlich um 1190 erstmals ein fester und gleichmäßiger Turnus durch den Grafen der Champagne festgelegt wurde: sechs Messen, jeweils zwei in Troyes und Provins, und jeweils eine in Bar-sur-Aube und Lagny, folgten schließlich in kurzen Abständen aufeinander, so daß die Champagne fast das ganze Jahr über zur "Stätte eines nur durch nur wenige Wochen unterbrochenen Meßlebens" wurde.
Die erste Messe im Jahr fand vom 2. Jänner bis zum 19. Februar in Lagny statt, gefolgt von jener in Bar-sur-Aube am Dienstag vor Mittfasten. Letztere schwankte in ihrem Beginn aufgrund der Abhängigkeit vom Osterfest zwischen dem 24. Februar und dem 30. März und endete zwischen dem 3. April und dem 17. Mai. Auch die 'Maimesse' von Provins schwankte in Anfangs- und Endzeiten. Ihr Beginn wurde auf den Dienstag vor Christi-Himmelfahrt fixiert und konnte somit entweder am 28. April oder am 30. Mai eröffnet werden. Die darauf folgende, in der Oberstadt von Troyes veranstaltete Messe, war eine der saisonmäßig am bedeutendsten und wurde aus diesem Grunde auch als die 'heiße Messe' bezeichnet (Vom 9./15. Juli bis zum 26. August/2. September). Die zweite Messe in Provins, die St. Ayoulsmesse, begann wiederum am 14. September, dem Tag der Kreuzerhöhung, und endete zu Aller-heiligen. Die sechste und letzte Messe fand schließlich wieder in Troyes statt, vom 2. November bis zum 20. Dezember, weshalb man sie auch mit der Bezeichnung 'kalte Messe' versah.
Neben diesem 'äußeren' Turnus der Champagnemessen hatte jede einzelne Messe auch ihren festen 'inneren' Zyklus. Jede Messe, die an die zwei Monate dauerte, begann mit einer Vorwoche, während der alle Waren unverzollt ein- und ausgehen konnten. Nach dieser intrata oder diesen huit jours d'entrée, folgte schließlich zehn Tage lang die allgemeine Tuchmesse, deren Ende durch einen amtlichen Ausrufer verkündet wurde, welcher 'hare, hare' rief. Dieser Ausruf führte auch dazu, daß dieser erste Teil der Messe als hare de dras oder ara pannorum bezeichnet wurde. Neben den Tagen für den Tuchhandel gab es jedoch auch terminlich fixierte Tage für den Verkauf von Leder- und Pelzwaren oder Gewichtswaren (avoirs-de-poids) wie Gewürze. Letztendlich schloßen zwei Wochen Zahlzeit, während der alle Schulden beglichen werden sollten (rectum pagamentum), die Messe ab.

Betrachtet man den Messezyklus der Champagnemessen in seinem Ganzen, so ist festzustellen, daß es besonders für Händler und Kaufleute, die lange und risikoreiche Reisewege zurücklegen mußten, um zu den Messen zu gelangen und für Nachschub durch eigene Zwischenhändler (vectuarii) zu sorgen, vorteilhaft war, beinahe für die Dauer eines ganzen Jahres ihre Waren anbieten und verkaufen zu können - geschützt durch einen besonderen Frieden und ausgestattet mit gewinnbringenden Privilegien.


2. Handels- und Organisationsformen der Champagnemessen

2.1. Der Aufstieg der Messen der Champagne zu 'Welthandelszentren'

Vom 12. bis zum 14. Jahrhundert herrschte ein reger wirtschaftlicher Waren- und Geldverkehr zwischen den vier großen Handelszentren Mitteleuropas, die auch blühende Messe- und Jahrmarktsysteme kannten: in Norditalien unterhielten beispielsweise Messestädte wie Ferrara, Mantua, Genua, Pavia, Piacenza oder Bologna wichtige Handelsverbindungen in den Orient und zu den flandrischen Messen in Brügge, Ypern, Messines und Thourout. Letztere wiederum standen in engem Kontakt zu den großen Handels- und Messezentren im Rhein- und Maingebiet sowie zu den Hansestädten, um hochwertige Güter ein- und auszuführen. Ein wichtiges Bindeglied in dieser Reihe von Fernhandel treibender Städte waren dabei die Messen der Champagne, die mit ihren 'internationalen' Handelsveranstaltungen einen wesentlichen Beitrag zum 'Welthandel' des Mittelalters leisteten.

2.1.1. Der internationale Charakter der Warenmessen

Umgeben von der französischen Krondomäne im Westen, der Grafschaft Flandern im Norden, dem Königreich Burgund im Süden und dem deutschen Reich im Osten, mit dem Herzogtum Oberlothringen, strömten Kaufleute aus ganz Europa zu den Messen der Champagne. Händler aus allen Regionen Frankreichs versammelten sich dort ebenso wie Kaufleute aus Flandern, Norditalien, Brabant, Spanien, England, Deutschland oder der Schweiz.

Die 'Internationalität', der auf den Messen Handel treibenden Kaufmannschaft, bestimmte auch die Diversität der Waren und Produkte, welche zum Verkauf angeboten wurden. Zu den bedeutendsten Waren auf den Messen der Champagne zählten vor allem Tuch-, Leder- und Pelz- sowie die sogenannten Gewichtswaren:
Den größten und bedeutensten Teil der Handelsgüter stellte mit Sicherheit die Tuche dar, denn ihrem Verkauf war auf den Messen eigens ein großer Zeitabschnitt gewidmet worden (hare de dras). Die Tuche, die in ganz Europa beliebt und daher auch teuer war, stammte vor allem aus Flandern, den umliegenden tuchproduzierenden Städten der Champagne und der Messestadt Provins. Flämische Tuche wurde auf den Messen der Champagne also ebenso gehandelt wie Tuche aus Arras, grüne Tuche aus Châlons und graue Tuche aus Provins. Auch englische Tuche aus Stamford wurde auf den Messen zum Verkauf angeboten. Taft, Seide, Kamelot, Leinwand und Barchent zählten schließlich zu den anderen Textilien, die von Händlern auf den Champagnemessen vertrieben wurden. Für den Handel mit Leder- und Pelzwaren wiederum, war auf den Messen ebenfalls ein eigener Meßabschnitt vorgesehen, der elf Tage nach Ende der Tuchmesse begann. In dieser Zeit konnte beispielsweise Korduan, ein safranfarbiges Leder, das als besonders wertvoll galt und vor allem aus Lucca, Pisa, Nordafrika oder aus der Levante eingeführt wurde, erstanden werden. Auch Lammfelle aus Südfrankreich, Eichhörnchenfelle aus Deutschland und Marder-, Hermelin- und Nerzfelle aus den nördlichen Regionen Europas wurden auf die Champagnemessen gebracht. Schließlich fanden sich auf den Handelsmessen der Champagne auch jene Waren, welche nach ihrem Gewicht bemessen und verkauft wurden (avoirs-de-poids). Zu diesen zählten vor allem die aus dem Orient eingeführten Gewürze wie Safran, Ingwer oder Pfeffer und Farbstoffe wie Gummilack, Brasilholz oder Kermes. Auch Metalle wie Silber vom Oberrhein, aus dem Schwarzwald und dem Elsaß, wurden nach ihrem Gewicht bemessen und verkauft. Damit ist die Aufzählung der Handelsgüter auf den Messen jedoch noch nicht beendet, denn Goldschmiede-arbeiten aus der Champagne, Schmuck, Waffen oder Porzellan und Lebensmittel wie französischer und burgundischer Wein, Salz aus der Guérande und von der französischen Westküste, Honig, Gemüse, Früchte und Fleisch bereicherten ebenfalls das vielfältige Warenangebot.

Die wichtigsten Handelspartner der Champagnemessen waren jedoch mit Sicherheit Kaufleute aus Flandern und Italien, denn sie brachten jene Waren mit sich, auf deren Handel und Verkauf sich Ruhm und Bedeutung der 'großen' Warenmessen gündete:
Flandrische Tuchhändler aus Brügge, Ypern, Lille, Thourout und Messines fanden sich bereits früh auf den Messen ein. Urkunden erwähnen ihre Anwesenheit beispielsweise auf den Messen von Provins und Troyes bereits in den Jahren 1137 und 1164 - also in einer Zeit, in der sich die Messen der Champagne noch im Auf- beziehungsweise Ausbau befanden.
Während diese Kaufleute aus Flandern auf den Messen ihre flämische Tuche verkauften, erstanden sie ihrerseits Goldschmiedearbeiten aus der Champagne und französischen Wein. Von italienischen Kaufleuten erwarben sie wiederum Seidenstoffe, Korduan und orientalische Gewürze.
Kaufleute aus Italien traten neben den flandrischen Kaufleuten auf den Messen der Champagne regelmäßig ab dem letzten Viertel des 12. Jahrhunderts auf und galten als bedeutende Abnehmer von Textilien aus dem nordwestlichen Europa und als die wichtigsten Vertreiber von Seide, Leder- und Gewichtswaren.
Neben diesen beiden bedeutendsten Kaufmannschaften aus dem Norden und Süden Europas fanden sich jedoch auch andere Händler und Kaufleute als regelmäßige Kunden auf den Messen ein: seit 1175 sind Kaufleute aus den umliegenden französischen Regionen, aus Limoges, Paris, Reims, Rouen und Etampes, bezeugt und Kaufleute aus Deutschland, England und Spanien reisten ebenso auf die Handelsmessen der Champagne wie sogar Händler aus Akkon in Palästina.

2.1.2. 'Internationalität'

Die 'Internationalität' der Messen der Champagne wurde sicherlich durch ein reiches und vielfältiges Warenangebot aus allen Teilen Europas und dem Orient sowie durch die ständige Präsenz weit gereister Messekaufleute bestimmt. Über den internationalen Charakter des Messewesens und vor allem über das Leben fremder Kaufleute in den vier Messestädten, zeugen unter anderem die Häuser und Niederlassungen fremder Kaufleute sowie die Bezeichnungen verschiedener Gassen und Messbuden in den vier Messestädten der Champagne.

In einer Stadt fremd zu sein, brachte im Mittelalter erhebliche Erschwernisse mit sich, denn der Auswärtige bewegte sich außerhalb seiner angestammten Schutzgemeinschaft, etwa der Familie, der Dorf- oder Stadtgemeinschaft. Besonders auswärtige Kaufleute sahen sich häufig mit einer Reihe von Schwierigkeiten konfrontiert, denn soziale Kontakte zu den Einheimischen waren oft nicht erwünscht und Sprachbarrieren beispielsweise, konnten den Handel wesentlich erschweren. Eine größere Gruppe auswärtiger Kaufleute versuchte daher meist, sich eigene Häuser und Niederlassungen in fremden Städten zu errichten, um in sicherer Umgebung, Schutz und Ruhe zu finden.
Auch fremde Kaufleute auf den Messen der Champagne verfuhren auf diese Weise, wie am Beispiel von Troyes ersichtlich wird, wo Händler aus Montpellier, Rouen, Burgund, Barcelona, Valencia, Lerida, Ypres oder Genf und St.-Omer eigene Herbergen und Hallen unterhielten.
Auch Gassennamen und Messbuden lassen sowohl auf die ständige Anwesenheit einer internationalen Kaufmannschaft auf den Messen als auch auf ein gewisses Bedürfnis, sich innerhalb einer Gemeinschaft zu bewegen, schließen: in Lagny gab es beispielsweise eine eigene Gasse der englischen Kaufleute (vicus Angliae) und in Provins fanden sich eigene Messbuden der lombardischen Kaufleute. Auch Kaufleute aus Katalonien und Toledo, die Tuche und Samt mit sich brachten, besaßen eigene Buden auf den Messen der Champagne.
Auch die deutschen Kaufleute hinterließen in den Messestädten ihre Spuren. So wie die deutschen Hansekaufleute beispielsweise in Bergen, Novgorod, London oder Brügge eigene Handelsniederlassungen, Häuser und Höfe begründeten, besaßen sie auch auf den Messen der Champagne etwa in Troyes und Bar einen Hof der Deutschen (court aux Allemands). In Provins wiederum ist aus dem Jahre 1211 sogar eine eigene Gasse der Deutschen erwähnt (vicus Allemannorum).

2.1.3. Deutsche Kaufleute und der Hansehandel

Seit dem 12. Jahrhundert reisten deutsche Kaufleute bereits vereinzelt auf die Messen der Champagne, um dort Handel zu treiben. Eine regelmäßige Erwähnung finden sie dort jedoch erst ab dem 13. Jahrhundert. Die Ursachen für dieses relativ späte Erscheinen deutscher Kaufleute - im Vergleich zu Kaufleuten aus Flandern und Italien - sollen im Folgenden kurz erläutert werden. Dazu erscheint es jedoch sinnvoll, einen kleinen Exkurs in die Geschichte der Hanse und des deutschen Handels zu unternehmen:


Zu Ende des 12. und zu Beginn des 13. Jahrhunderts gelang es den deutschen Hansekaufleuten erstmals, ihre Handelsbeziehungen nach Osteuropa wesentlich zu verbessern und sich eine Monopolstellung im nordeuropäischen Handel gegenüber Händlern aus Skandinavien, Rußland, Friesland oder Flandern zu sichern. Den wirtschaftlichen Anreiz dazu lieferte das Bedürfnis, den in Westeuropa steigenden Bedarf an Ostwaren, vor allem an Wachs und Pelz, zu befriedigen.
Für den Absatz der Ostwaren waren für die deutschen Hansekaufleute jener Zeit vor allem die deutschen Städte selbst, wahrscheinlich auch die Messen in Flandern und die Messen der Champagne bedeutend. Dollinger meint dazu:
Zu diesen Zentren brachten indessen die Hansen die Ostwaren noch nicht selbst. Ihre Beförderung wurde wohl vor allem durch die flämischen Kaufleute sichergestellt, die sie in sächsischen und westfälischen Städten kaufen konnten. Es gibt jedoch keine genauen Zeugnisse für diesen Handel.

Seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts jedoch drängten Kaufleute der hansischen Städte, dann auch Rheinländer und Oberdeutsche auf ihren Handelsreisen immer weiter nach Südwesten, zuerst in Richtung der großen flandrischen Messen, um dort ihre Waren zum Verkauf anzubieten. Besonders Kölner Kaufleute und Kaufleute aus Westfalen, die auf dem Landweg in die großen flandrischen Messen wie Brügge, Thourout, Ypres und Messines reisten, belebten diese Messestädte seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Auch Lübecker, Hamburger und Bremen, welche aber den Seeweg bevorzugten, fanden sich ab diesem Zeitpunkt auf den Messen Flanderns regelmäßig ein. Sie boten Pelze, Wachs, aber auch Bier, Asche und Getreide zum Verkauf an und erstanden ihrerseits wieder flämische Tuche und Gewürze. Dieser Warenaustausch trug auch merklich zum Wohlstand der flandrischen Messen bei. Im besonderen Brügge verdankt seinen Aufstieg zu einem Welthandelszentrum zu einem großen Teil den deutschen Kaufleuten, vor allem nach dem Niedergang der Champagnemessen.
Brügge nahm für die deutschen Kaufleute auch einen besonderen Stellenwert ein, da von der 'deutschen Brücke' ausgehend, die Handelsbeziehungen in Richtung Champagnemessen erweitert und ausgebaut werden konnten. Seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts versammelten sich dort also auch deutsche Kaufleute.
Woher aber kamen sie und welche Bedeutung fällt ihnen auf den Messen der Champagne zu?
Vor allem Kaufleute aus Köln, Lübeck, Konstanz, Freiburg, Mainz, Frankfurt und Nürnberg fanden sich seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts in den Messestädten der Champagne ein, um dort dauernde und umfassende Handelsgeschäfte zu betreiben. Durch einen umfangreichen Verkehr dieser Händler und Kaufleute auf den Messen der Champagne kam es nicht nur zu einer gewissen Zuwanderung von Deutschen in den vier Messestädten, sondern auch kulturelle Auswirkungen sind als wahrscheinlich anzunehmen. Vor allem aber bereicherten die deutschen Kaufleute die Champagnemessen um eine breite Palette an Handelswaren aus dem Nord- und Ostseeraum: Pelze, Wachs, Teer, Schmuck und Waffen wurden ebenso zum Verkauf angeboten wie auch Kupfer und Eisen aus Schweden und Norwegen und Getreide aus dem polnischen Hinterland. Auch Leinwand aus dem Gebiet des Bodensees wurde durch Konstanzer Kaufleute seit Ende des 13. Jahrhunderts auf den Messen eingeführt.
Für den Warenhandel auf den Messen waren die deutschen Kaufleute aber bedeutend, weil sie auch große Mengen verschiedenster Handelswaren in die deutschen Städte exportierten: Wein, Gewürze und vor allem Tuche. Letztere war besonders für die Hansekaufleute bedeutend, da Tuchproduktion und Wollweberei im deutschen Raum selbst nur durch Köln im Westen und einige Städte wie Braunschweig oder Göttingen im 13. und 14. Jahrhundert gewährleistet wurde.
In diesem Zusammenhang nahmen in besonderem Maße Kaufleute aus Köln eine exponierte Stellung ein, denn sie hatten im Laufe des 12. und 13. Jahrhunderts ihre Handelsbeziehungen soweit erweitert, daß nicht nur der Warenaustausch zwischen den Warenumschlagplätzen Nord- und Osteuropas größtenteils in ihren Händen lag, sondern auch, auf den Messen angekaufte Waren, durch ihre Vermittlerposition bis in den süddeutschen Raum gelangten.
Für den Warenhandel auf den Messen der Champagne und über deren Grenzen hinaus, war aber auch eine zweite Gruppe von Kaufleuten von entscheidender Bedeutung: die Kaufleute aus Lübeck. Sie hatten auf den Champagnemessen einen besonderen Stellenwert - wie es beispielsweise aus einer Urkunde Philips des Schönen aus dem Jahre 1294 hervorgeht. Die Lübecker Kaufleute wurden durch dieses Privileg dazu berechtigt, alle mit ihnen aus Deutschland eingeführten Güter auf allen Wegen zu den Messen der Champagne bringen zu können - ein Vorrecht, das anderen aus dem Norden anreisenden Kaufleuten nicht erteilt wurde, die in Bapaume, südlich von Arras, ihre Waren zu verzollen hatten. Ein Zusatz legte jedoch fest, daß auch die Kaufleute aus Lübeck über Bapaume reisen müßten, sollten sie Waren aus Flandern auf die Champagnemessen einführen wollen. Man erkennt in dieser repressiven Maßnahme gegenüber den aus Flandern kommenden Handelswaren bereits, daß sich zu Ende des 13. Jahrhunderts wirtschaftlich motivierte Spannungen zwischen den Warenumschlagplätzen Flanderns und der Champagne ergeben hatten.
Für das Entstehen eines regelmäßigen Handelverkehrs zwischen dem deutschen und dem französischen Wirtschaftsraum hatten die Kölner und Lübecker Kaufleute also eine besondere Rolle inne - zumindest was den Warenverkehr auf dem Landweg seit Ende des 13. Jahrhunderts betraf. Der Handel mit Frankreich zur See, zwischen La Rochelle und Brügge, wurde hingegen von Hamburger Kaufleuten dominiert, um Salz von der französischen Westküste, Wein aus Bourgneuf, Nantes, Brouage und La Rochelle sowie Seidenstoffe und Tuche in den deutschen Raum zu befördern.

Im allgemeinen ist jedoch festzuhalten, daß "der Verkehr der Deutschen auf den Messen der 4 Städte der Champagne vom 12. bis zum 14. Jahrhundert hinein (...) zweifellos die erste auf breiter Grundlage erfolgende wirtschaftliche Fühlungnahme zwischen den beiden aufstrebenden Wirtschaftsgebieten Frankreich und Deutschland" bildete.

2.2. Organisations- und Handelsformen der Champagnemessen

2.2.1. Messeeinrichtungen zum Schutze des Warenhandels

Die im 13. Jahrhundert kontinuierlich ansteigende Zahl an Messebesuchern und -kaufleuten, erforderte natürlich auch die Einrichtung spezieller Schutzmaßnahmen und -vorkehrungen, für einen geregelten Ablauf der Warenmessen und zur Sicherheit der Handeltreibenden. So wurden die Champagnemessen - neben den bereits zu Anfangs erwähnten Rechten einer mittelalterlichen Messe und den durch die Grafen der Champagne initiierten und garantierten Sicherheiten - mit einer besonderen behördlichen Organisation ausgestattet.

Abgesehen von der Einrichtung eines für den mittelalterlichen Messebetrieb typischen Meßgerichts, wurden Schutz und Sicherheit auf den Champagnemessen im besonderen durch die ständige Anwesenheit von Meßwächtern garantiert:
Diese gardes des foires zirkulierten seit 1174 auf den Messen der Champagne und wurden vom Landesherrn direkt eingesetzt. 1317 wachten bereits 140 dieser Wächter auf den Messen über Recht und Ordnung. Ihre Befugnisse gingen jedoch weit über einen normalen Ordnungsdienst - wie wir ihn heute kennen - hinaus. Zur Blütezeit der Champagnemessen mit immer größeren jurisdiktionellen Rechten ausgestattet, stellten sie nicht nur die höchste Gewalt auf den Messen dar, sondern sie wachten auch über die richterliche Untersuchung und Rechtsprechung sowie die Verkündung und Ausführung der durch das Meßgericht getroffenen Urteile. Ein, auf einer der sechs Champagnemessen gefälltes Urteil, konnte durch ihre Person überall im französischen Königreich durchgesetzt werden. Über diese Grenzen hinaus, konnten sie auch wirksam gegen Straftaten auswärtiger Kaufleute vorgehen, beispielsweise durch die Androhung der Verbannung von den Messen. Dieser Meßbann erwies sich besonders am Höhepunkt der wirtschaftlichen Entfaltung der Champagnemessen als wirkungsvolles Druckmittel der gardes des foires, um als ultima ratio etwa einen säumigen Schuldner zu Zahlungen zu bewegen oder ausstehende Geldsummen von den jeweiligen Behörden seiner Heimatstadt einzufordern.
Die polizeiliche Gewalt der Meßwächter wurde des weiteren durch die ihnen unterstellten Beamten und Gehilfen, wie Notare, Bevollmächtigte, Polizeisergeanten und Leutnants, gestützt. Die sogenannten sergeants oder procureurs beispielsweise, waren zu Pferd für die Sicherheit der Handelswege von und zu den Messen verantwortlich und mußten darüber hinaus auch jene Orte in Vertretung der Meßwächter aufsuchen, wo Urteile zu vollstrecken oder Schuldforderungen einzutreiben waren. Für die Abhaltung und den geregelten Verlauf der Meßgerichte wiederum, waren die Leutnants zuständig. Zu diesen Hilfsbeamten zählten neben den 'weltlichen' Ordnungshütern der Champagnemessen auch stets kirchliche Aufsichtspersonen, welche der Gerichtsbarkeit geistlicher Würdenträger Geltung verschaffen sollten. Die Notare wiederum waren für die Aufsicht sowohl über den Warenverkehr als auch über An- und Verkäufe auf den Messen zuständig. Sie verzeichneten An- und Verkäufe, Herkunft, Menge und Preise der Waren in den auf den Messen eingerichteten Kanzleien. Durch diese Einträge ins Notarsbuch - was den eigentlichen Rechtsakt darstellte - und durch ihre Bestätigung und Beglaubigung durch einen Meßwächter, hatten die auf den Messen abgeschlossenen Verträge schließlich ihre Gültigkeit. Ab 1247 wurden die gardes aus diesem Grund mit einem eigenen Siegel ausgestattet, dem sigillum nundinarum Campanie, welches auch als Symbol ihrer besonderen Macht zu werten war.

Die Sicherheit, der sich auf den Messen befindlichen Personen, und ein geregelter Warenverkehr wurden durch diese Aufsichts- und Kontrollinstanzen der Champagnemessen gewährleistet. Zu den schützenden Einrichtungen in den vier Messestädten zählen unter anderem jedoch auch die infrastrukturellen Verbesserungen und die den Messekaufleuten durch die Obrigkeit gebotenen Leistungen: in Provins wurde beispielsweise zwischen 1157 und 1160 ein großes Hospital errichtet und Herbergen standen den zu den Messen reisenden Kaufleuten überall in den Messestädten als Unterkunft zur Verfügung. Der Warentransport wiederum konnte durch die Schiffbarmachung der Flußläufe Aube und Seine wesentlich verbessert werden und brachte weitere Erleichterungen mit sich.
Solche besonderen Vorkehrungen und Schutzmaßnahmen steigerten wesentlich die Popularität der Messen der Champagne und fanden auch andernorts Anklang und Nachahmung.

2.2.2. Handels- und Kaufmannsorganisationen

Ein ausgedehnter Warenhandel, wie er in den vier Messestädten der Champagne von statten ging, wurde aber nicht nur von den Messebehörden, sondern auch von diversen Organisationen und Institutionen, die von Messekaufleuten selbst begründet wurden, geregelt und überwacht.
Um die eigene Person zu schützen, die eigenen Interessen besser zu vertreten und Angebot und Nachfrage effizienter regulieren und kontrollieren zu können, wurden so im Laufe des 13. Jahrhunderts, zur Blütezeit der Champagnemessen, verschiedene Vereinigungen von Messekaufleuten begründet - wobei diese nach unterschiedlichen Mustern organisiert waren:

Eine der bedeutendsten Kaufmannsorganisationen jener Zeit stellte die um 1230 begründete 'Hanse der siebzehn kleiderproduzierenden Städte' dar. Zu dieser Vereinigung zählten nicht nur Tuchstädte der Champagne wie Reims und Châlons-sur-Marne, sondern auch wichtige Produktionsstätten in der Picardie, in Flandern, Hainault und Ponthieu. Vielmehr ein einfacher Zusammenschluß verschiedener Städte als eine 'Hanse' im klassischen Sinn, resultierte er aus dem Bedürfnis, nicht mehr als ewige Konkurrenten aufzutreten und den Handel und Verkauf von Tuche auf den Messen gemeinsam zu koordinieren. Die 'Hanse der siebzehn Städte' verlor jedoch mit dem Niedergang der Champagnemessen im 14. Jahrhundert an Bedeutung.

Zu Beginn des 13. Jahrhunderts wurde schließlich eine weitere bedeutende Kaufmannsvereinigung begründet, welche sowohl auf eine gemeinsame und effiziente Handelsorganisation als auch auf eine gemeinsame Interessensvertretung und den Schutz der Kaufleute abzielte.
Italienische Kaufleute aus derselben Heimatstadt gingen in jener Zeit dazu über, sich auf den Messen in gemeinschaftlichen Bünden, sogenannten universitas, zusammenzuschließen. Diese organisierten sich wie Städte, mit eigener Autorität, Verwaltung und Jurisdiktion. An ihrer Spitze stand stets ein Konsul, der die Mitglieder der Gemeinschaft überwachte und im Falle von Rechtsstreitigkeiten gegenüber anderen Gerichten oder dem französischen König vertrat. Verlinden meint zu den Aufgaben und Rechten der Konsule:
The consuls exerciced their authority over their fellow-citizens attending the fair, but they represented also the government of their city vis-à-vis foreign rulers and justices.

Das erste italienische Konsulat auf den Messen der Champagne wurde vermutlich durch Sieneser Kaufleute 1246 begründet. Schon bald aber fanden gemeinschaftliche Vereinigungen dieser Art Nachahmung bei Kaufleute aus Alba, Asti, Bologna, Mailand, Florenz, Genua, Lucca, Piacenza, Parma, Orvieto, Rom oder Venedig.

Auch die Kaufleute aus dem Languedoc und der Provence, die regelmäßig zu den Messen der Champagne reisten, schlossen sich in Gemeinschaften zusammen und organisierten sich nach Vorbild der italienischen Kaufmannsvereinigungen. Unter Führung eines capitaine, der von den jeweiligen Stadträten gewählt wurde und den seit 1246 Montpellier stellte, sollten die Kaufleute aus den südfranzösischen Handelsstädten geeint beaufsichtigt und nach Außen hin vertreten werden. Wie die Konsule der italienischen universitas, beaufsichtigten sie folglich Händler und Kaufleute aus Narbonne, Aurillac, Figeac, Béziers und Montpellier auf den Messen und vertraten sie bei Streitfällen vor Gericht. Regelmäßige Zusammenkünfte mit den Vertretern anderer Vereinigungen, wie der italienischen Konsulate, sicherten überdies nicht nur eine bessere Organisation und Koordination des Warenhandels, sondern ebenfalls die Sicherheit der Handeltreibenden verschiedener Nationalitäten.


3. Zeit des Niedergangs oder neue Blütezeit?

3.1. Von 'internationalen' Warenmessen zu europäischen Finanzmärkten

Etwa zu jener Zeit als sich neben flandrischen und italienischen Kaufleuten auch die Deutschen in der Champagne einfanden, waren die Messen der Champagne bereits in einem entscheidenden Wandel begriffen. Seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts verloren sie zunehmend ihren Charakter als 'internationale' Warenumschlagplätze und entwickelten sich statt dessen zu Finanz- und Kapital-märkten von internationaler Bedeutung.

Der umfangreiche und dauerhafte Warenverkehr und -handel auf den Messen der Champagne, besonders der Handel mit Tuche und Textilien, hatte den Geldverkehr auf den Messen wesentlich gefördert und zur ständigen Anwesenheit von Geldwechslern auf den Messen beigetragen. Jeder Verkaufsperiode folgte nämlich eine Zahlungsperiode, in der Schulden getilgt und Verpflichtungen aus früheren Messen nachgekommen werden mußte. Seit dem 12. Jahrhundert wurden solche Zahlungen jedoch nicht mehr durch Bargeld auf der jeweiligen Messe beglichen, sondern immer häufiger mit sogenannten 'Wechselbriefen' getätigt.
Mit solchen 'Wechselbriefen', die wahrscheinlich von italienischen Kaufleuten aus Siena und Florenz eingeführt worden waren, konnte sich ein Kaufmann nicht nur den Vorteil verschaffen, ohne Bargeld zu reisen. Ihm wurde durch den 'Wechsel' auch ermöglicht, Kredite für seine Messegeschäfte aufzunehmen und sie später mit Zinsen wieder zurückzuzahlen. Solche Darlehensanleihen einzelner Kaufleute waren auch besonders bei sich in finanziellen Nöten befindlichen kirchlichen und weltlichen Herrschern beliebt.
Die Zahl der getätigten Wechsel- und Kreditgeschäfte stieg seit Mitte des 13. Jahrhunderts auf den Champagnemessen in bedeutendem Maße an, so daß der 'bargeldlose Geldverkehr', der Kapitalverkehr mittels Wertpapieren, den Waren-verkehr auf den Messen bald bei weitem übertraf.
Die Messen der Champagne gestalteten sich somit zunehmend von bedeutenden Warenumschlagplätzen zu regelrechten Zentren des internationalen Finanz-geschäftes, die wesentlich zur Modernisierung des Geldverkehrs in Europa beitrugen. An der Wende zum 14. Jahrhundert aber begann der Einfluß und die Bedeutung der vier Messestädte zu schwinden, denn um 1320 schlitterte allmählich auch der Finanz- und Kapitalmarkt der Messestädte in eine wirtschaftliche Krise. Diese Entwicklung der Champagnemessen leitete auch ihren Niedergang ein - eine Entwicklung, die "stellvertretend für alle anderen Messen" war.

3.2. Der Verfall der 'großen' Messen der Champagne

3.2.1. Theorien und Hypothesen

Gründe für den Niedergang der 'großen' Messen der Champagne finden sich sowohl in fundamentalen Problemen der mittelalterlichen Wirtschaft als auch in bedeutenden politischen Ereignissen, die den Werdegang der Messen wesentlich mitbestimmten, wieder. Die Ursachen für die schwindende Bedeutung der vier Messestädte Troyes, Lagny, Bar-sur-Aube und Provins sind jedoch in der einschlägigen Literatur umstritten und in hohem Maße vom Standpunkt des Betrachters abhängig.
Bereits die Frage nach dem Zeitpunkt, ab dem der Niedergang der Messen als wahrscheinlich anzunehmen ist, veranlaßt Historiker zu sehr unterschiedlichen Ansichten. Als Wendepunkte in der Geschichte der Champagnemessen gelten sowohl die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts als auch der Beginn des 14. Jahrhunderts. Andere Autoren wiederum legen den beginnenden Untergang der Messen auf das Jahr 1284 fest, dem Zeitpunkt der Übernahme der Grafschaft Champagne durch den französischen König Philip den Schönen.
Robert-Henri Bautier meint dazu:
Ces divergences proviennent sans doute (...) du fait que les auteurs n'ont pas cherché (...) à définir (...) le caractère des foires. Si par conséquent on se place au strict point de vue du commerce, il nous semble évident (...) que les foires sont entrées en décadence (...), dès les années 1260 environ. Mais par contre comme marché financier (...) elles maintiendront un haut niveau de prospérité jusque vers 1318-1320. Après cette date, la décadence est brutale (...).
Folglich liegt das grundlegende Problem im Ansatz begraben, denn sieht man das Ende der Champagnemessen durch den rückläufigen Warenhandel begründet, so wäre der Niedergang der Messen mit dem Datum 1260 anzunehmen. Geht man aber vom endgültigen Ende ihrer internationalen Bedeutung als Finanz- und Kapitalmärkte aus, so wäre der Zeitpunkt auf den Beginn des 14. Jahrhunderts zu legen.

Auch die Ursachen für den Niedergang der Champagnemessen sind unter den Autoren umstritten. Mehrere mögliche Gründe für die schwindende Bedeutung der Messen der Champagne, mit denen viele Historiker in ihren Ansichten übereinstimmen, werden unter anderem in einer Reformschrift der Wächter und Messekaufleute aus den Jahren 1322 und 1324 deutlich. Diese Reformacion des foires de Champagne et de Brie, die dem französischen König unterbreitet werden sollte, nennt so beispielsweise die erstarkende italienische Tuchindustrie sowie die Eingriffe des französischen Königs in das Messegeschehen durch Steuererhöhungen und durch die Einsetzung von königlichen Kommissaren als verantwortlich für den wirtschaftlichen Niedergang der Messen. Als weiterer Grund wurde auch die an der Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert steigende Bedeutung des Warentransports zur See genannt.

Wenn die Meinungen bezüglich der Ursachen für den Niedergang der Champagnemessen auch divergieren, so herrscht doch in der Fachliteratur ein grundlegender Konsens darüber, daß ein Bündel verschiedener Faktoren zum allmählichen Bedeutungsverlust der Champagnemessen führte - ob nun als bedeutende internationale Warenmessen betrachtet, oder als Finanz- und Kapitalmärkte von Weltgeltung.

3.2.2. Das Weiterleben des Messewesens

Ab 1350 werden die für das Geld- und Kreditwesen der Messen bedeutenden italienischen Kaufleute urkundlich nicht mehr erwähnt. Die 'großen' Messen der Champagne hatten somit fortan nur mehr eine regionale Bedeutung für den mittelalterlichen Handel und andere Messestädte Europas nahmen ihren Platz anstelle der vier Städte Troyes, Bar-sur-Aube, Provins und Lagny ein. Die deutschen Kaufleute hatten beispielsweise den Champagnemessen bereits einige Jahrzehnte vor den Italienern den Rücken gekehrt und zogen hauptsächlich in die wirtschaftlich erstarkenden Handelszentren Paris und Brügge, um dort umfangreich Handel zu treiben.
Für diese neuen oder an Bedeutung gewinnenden Knotenpunkte des internationalen Handelsverkehrs waren die Messen der Champagne jedoch auch noch nach deren Niedergang bedeutsam, denn in vielerlei Hinsicht galt es ihrem Vorbild nachzueifern.
Alexander Schönfelder weiß diesen Gedanken so zu formulieren:
Die überragende ökonomische Bedeutung, die den Messen der Champagne im 12., 13. und zu Anfang des 14. Jahrhunderts beizumessen ist, hat sicherlich zur Herausbildung und Weiterentwicklung anderer Messen und Meßorte beigetragen.

Messen blieben also eine internationale und den Lebensbedingungen der europäischen Gesellschaft entsprechende Erscheinung: durch die Messen von Brügge und Thourout oder Messines in Flandern, jene von Mantua, Genua und Pavia in Italien, jene in Westminster, Winchester und Portsmouth in England oder jene von Oppenheim, Worms und Speyer in Deutschland. Ihre Bedeutung verloren diese großen Warenmessen Europas allmählich erst im Spätmittelalter, in der Epoche der Seßhaftwerdung der wandernden Kaufleute.

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