Universität Salzburg SS1999

Institut für Geschichte

SE: Die Stadt im Mittelalter

SE- Leiter: Dr. Ch. Janotta, Dr. R. Krammer

Prostitution

Erzählt wird das Leben einer fiktiven Prostituierten im Spätmittelalter (15.Jhdt.), wie es gewesen sein könnte. Im Rückblick erinnert sich Maria Baslerin (der Name ist frei erfunden) an ihren Lebensweg, der von Anbeginn unter dem Vorzeichen der Armut stand und den sie nun 1473 zu Papier bringt. Die Geschichte beruht auf neueren Forschungsergebnissen, ist jedoch als narrativer Text gestaltet, wobei das Gewicht mehr auf historische Genauigkeit, denn auf literarischen Genuss gelegt ist.

Im Anschluss an den Text findet jeder Interessierte einen didaktischen Entwurf zum Thema "Prostitution im MA", der ca. drei Unterrichtseinheiten umfasst Aus technischen Gründen ist jedoch leider das Anhang-Material unvollständig.

(Literaturnachweis)

Erstellt von SIGRID VANDERSITT


 


Das ehrlose Leben der Maria Baslerin


Man möge mir die etwas holprige Schrift verzeihen, mit der ich mich auf eine Erinnerungsreise begebe, deren Ende und Ziel wohl nur Unserem Lieben Herrn bekannt ist. Seltsam sind die Pfade, auf die er uns leitet, unergründlich seine Wege, eines jeden Wege liegen offen vor dem Herrn, und er hat acht auf aller Menschen Gänge.

Nach langem Zögern habe ich nun beschlossen, mein vormals lasterhaftes Leben zu Papier bringen, das eigentlich dem Vergessen anheim fallen sollte. Ich bitte Jesus Christus um Nachsicht und Vergebung für mein Tun, das nun seinen Anfang genommen hat und zu Ende gebracht werden muss.

Dass mir überhaupt das seltene Privileg zuteil wurde, in meinem Alter in das Konvent ‚Zur Büchse‘ hier in Köln aufgenommen zu werden, dessen Ansinnen eigentlich ist, junge Mädchen und Frauen wieder auf den rechten Weg zu führen, grenzt schon beinahe an ein Wunder. Das habe ich jenem Kölner Universitätslehrer zu verdanken - sein Name tut nichts zur Sache – , dem ich, als ich noch in Bonn war, nicht nur einmal zu einem schönen, jungen Mädchen verhalf, mit der er angenehmen Stunden der Freude zubringen konnte. Dieser Gelehrte wandte sich damals häufig an mich, wenn er in Bonn weilte, und war überaus zufrieden mit meinen Diensten. Diskret vereinbarte ich Treffen und wählte die Örtlichkeiten für diesen seligen Mann mit der Schwäche für junge Mädchen. Nur die schönsten ließ ich ihm zukommen, und dafür erwies er sich in seinem Testament erkenntlich. Nun, eben dieser angesehene Herr verfügte über eine kräftige, finanzielle Unterstützung zur Errichtung dieses Konvents, das nunmehr seinen zweijährigen Bestand feiern kann. Seltsamerweise hatte er auch mich in seinem Testament bedacht und mir die Möglichkeit gegeben, mich den Schwestern hier anzuschließen. Strenggenommen haben alte Kupplerinnen in diesem Haus nichts verloren, das schließlich für solich arm frawn die aus dem offen frawenhaus sich vor iren sunden Got zu pusse ergeben wellent, eingerichtet wurde – und nicht für jene, die die Mädchen zu diesem unzüchtigen Leben verführten.

Ich kann mich noch gut an die heftigen Kontroversen erinnern, die sich rund um diesen Ort 1471 entsponnen, doch schließlich ist es in Köln nicht das erste Mal, dass sich jemand der Dirnen annimmt. Ich hoffe jedoch inständigst, dass dieses Konvent den einmal eingeschlagenen Weg beibehalten wird und sich nicht, wie zweihundert Jahre zuvor die Büßenden Schwestern der hl. Magd Magdalena, von den "gefallenen" Mädchen abwendet, um nur noch Unbescholtenen den Eintritt in dieses Kloster gestatten.

Während meines bislang zweijährigen Aufenthaltes hier, in dem es mir an nichts fehlte, lehrte man mich alte Frau zwischen den Arbeiten, die ich noch verrichten konnte- in geringem Maße spinnen, den Garten betreuen, Kranke versorgen - Schreiben und Lesen. Natürlich steht die Reue und Buße ob meines sündhaften Lebens nun im Zentrum meiner Gedanken und meines Herzens, Gott ist mein Zeuge, doch ich kann nicht leugnen, dass mich auch die Aussicht, im Krankheitsfalle angesichts meines Alters versorgt zu werden, veranlasste, die Gelegenheit, die sich mir durch das Testament eröffnete, beim Schopf zu packen. Zu viele sah ich schon elendiglich zugrunde gehen, mittellos und einsam, ohne Beistand Gottes.

Wenn ich es recht bedenke, wird es wohl im Sinne des Herrn sein, wenn ich nun meine Lebensgeschichte erzähle, schließlich verdanke ich es Seiner Güte und Gnade, an diesem behüteten Ort zu leben und schreiben zu können.

Geboren wurde ich vor etwa fünfundfünfzig Jahren in Konstanz am Bodensee zur Zeit des großen Konzils. Meine Eltern waren arme Leute, die wie so viele andere den Kampf um ihr Auskommen jeden Tag neu beginnen mussten. Der Vater, ein geschickter Mann, arbeitete, wo er gerade benötigt wurde, und wenn er Glück hatte, wie damals in Konstanz, fand er für längere Zeit Arbeit. Meine Mutter verdingte sich als Näherin, Wäscherin und Seidenspinnerin für wenig Geld. Obwohl die Nachfrage an Textilien in Konstanz damals groß war - das Konzil lockte jede Menge Leute an - ließ sich mit dieser Arbeit gerade so viel verdienen, um das Schlimmste zu verhindern: das heißt, um nicht am Bettelstab zu landen. Wir waren immerhin fünf Kinder, die versorgt sein wollten. Doch nur spärlich sind meine Erinnerungen an Konstanz, denn meine Eltern verließen die Stadt bald nach Ende des Konzils Richtung Basel, da sich mit Abschluss des Konzils auch die Arbeitsmöglichkeiten verringerten. Meine Eltern erzählten viel über die Zeit des Konzils in Konstanz. Und besonders sind mir noch ihre Schilderungen über die ‚schönen Frauen‘ in Erinnerung, die in die Stadt strömten, um mit ihrer Schönheit Geld zu verdienen. Damals hießen sie ja noch ‚schöne Frauen‘ oder ‚schöne Fräulein‘, das hört man heute selten. Jetzt sind es Huren. Ja wirklich, man kann schon sagen, dass die Zeiten schlechter geworden sind. Die Geringschätzung dieser armen Frauen, denen auch ich dereinst angehört, hat wahrlich in den letzten fünfzig Jahren zugenommen.

Meine Eltern erzählten von all den gelehrten Herren und geistlichen Würdenträgern, die vier Jahre lang die Stadt belagerten. An die 3000 waren gekommen, um über Reform und Reinheit der Lehre und diesen Böhmen, Ian Hus hieß er, soweit ich mich erinnere, zu beraten. Und natürlich waren sie den weltlichen Freuden keineswegs abgeneigt, Gott möge ihnen das verzeihen. Dass sich jedoch in dem Tross, den sie anzogen, so viele Mädchen und Frauen befanden, die die Gunst der Stunde nutzten, damit hat wohl niemand gerechnet. Kann ich den Berichten meiner Eltern Glauben schenken, waren es so viele, dass der Rat große Besorgnis um die städtische Moral äußerte und in gewisser Weise in Bedrängnis kam. Ich hörte in späteren Jahren, es seien 700 gewesen, manche sprachen von 500, andere gar von 1500. Angeblich waren sie zunächst über die gesamte Stadt verteilt. "Offen huoren in den huorenhüsern und sust, die selb hüser gemietet hattend und in stälen lagen und wa sy mochten, dero waren ob VIIc, on die haimlichen, die laß ich belibnen."

Meine Eltern sprachen oft vom Ziegelgraben, der in der Nähe unserer Behausung lag, wo einige dieser ‚unendlichen Frauen‘ untergebracht waren. Da hat es wohl neben dem städtischen auch einige private Frauenhäuser gegeben, wenn ich diese Erzählungen heute richtig deute. Immer wieder erwähnten meine Eltern später noch den Namen Hans Kopfmann, der eines dieser Häuser beaufsichtigte, und einmal, als wir Konstanz schon verlassen hatten, erzählten einige Fahrende von einem äußerst unangenehmen Zeitgenossen, einem Hans Ackermann, der sich ständig vor dem Rat wegen unterschiedlichster Delikte zu verantworten hatte. Fluchen, Schulden und Messerstechereien. Den kannten meine Eltern allerdings nicht mehr.

Wir lebten dann in Basel, doch es waren harte Zeiten für uns. Schließlich starben meine Eltern, die Mutter bei der Geburt des Jüngsten, der nur zwei Tage lebte – der Herr sei seiner Seele gnädig - und der Vater kurze Zeit später an einem Fieber. Ich war damals ein Mädchen, an dem die ersten Anzeichen der Frau bereits zu erkennen waren und kann mich noch gut an jene schweren Zeiten erinnern, die jedem einzelnen von uns Geschwistern eine Entscheidung abrangen. Meine ältere Schwester Katharina und ich beschlossen, unser Glück als Dienstmägde in Freiburg zu versuchen und verließen unsere drei Brüder. Wir haben nie wieder von ihnen gehört. Ich bete inständigst, dass Gott ihnen kein allzu schweres Los aufbürdete und sie auf dem rechten Weg hielt.

Uns war das Schicksal weniger gnädig. In Freiburg konnten wir keine Stelle als Dienstmägde finden, kamen jedoch bei einer Frau unter, Johanna Türlin hieß sie, die eine Nähstube besaß, in der bereits mehrere junge Frauen arbeiteten. Katharina und ich teilten uns in Freiburg ein kleines Zimmer und konnten uns mit unserem Verdienst mehr schlecht als recht über die Runden bringen, es reichte gerade zum Essen.

Meine Schwester, die ein sehr lebensfrohes Mädchen war, machte in Freiburg bald männliche Bekanntschaften und erzählte mir auch davon, was sie mit diesen jungen Männern alles machte. Ich selbst hatte bis dahin keinerlei Erfahrung mit Männern, doch einmal nahm mich Katharina auf einen Spaziergang mit, bei dem sie sich mit zwei jungen Handwerksburschen traf und so erwarb auch ich meine ersten Kenntnisse über Männer.

Die jungen Burschen lagen uns zu Füßen, wir hatten beide sehr schönes Haar und waren auch sonst von gutem Wuchs, manch einer bezeichnete uns als schön. Auch Frau Türlin war dasnicht entgangen, denn eines Tages nahm sie uns beiseite und fragte uns, ob wir unseren Lohn nicht durch zusätzliche Dienste aufbessern wollten. Wir verstanden sehr gut, wovon die Rede war, schließlich hatte uns unsere Mutter von Frauen erzählt, die junge Mädchen an Männer vermittelten und Geld dafür nahmen. Natürlich würde alles streng geheim gehalten werden, da es sich um ehrbare Männer handelte, die diese Dienste in Anspruch nähmen, sodass auch für uns wenig Gefahr bestünde, unseren Ruf zu verlieren. Meine Schwester und ich erbaten uns Bedenkzeit. Die Zeiten waren jedoch schlecht für uns, wir benötigten dringend neue Kleider und Schuhe. Das war bei Gott keine leichte Entscheidung, ich hatte große Angst.

Und so kam es, dass mein Schicksal seinen Anfang nahm, wenn ich es recht bedenke. Die ‚gute Frau Türlin‘, wie wir sie nannten – denn sie war immer gut zu uns, half uns, gab uns Ratschläge, wie die Mannsbilder zu behandeln seien – brachte mich mit verschiedenen Männern zusammen, die ich in einem mir fremden Haus traf. Sie waren sehr gepflegt und ich bemühte mich, ihren Wünschen möglichst zufriedenstellend nachzukommen. Auch sie behandelten mich gut und letztendlich war es durchaus nicht immer so unangenehm, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ein Drittel oder ein Viertel des Geldes, das weiß ich nicht mehr so genau, mussten wir der ‚guten Frau Türlin‘ geben, so hatten wir das vereinbart. Es blieb uns also noch genügend Geld, um unser kärgliches Dasein aufzubessern.

Johann Türlin trat immer wieder an uns heran, denn wir waren – Gott möge mir den Hochmut verzeihen – die hübschesten und auch gesündesten jungen Frauen, die für sie arbeiteten. Und so kam es, dass ich eines Tages mit einem überaus angesehenen und reichen Bürger der Stadt zusammentraf, der mit den Gesellen, Handwerkern und Knechten, die in Frauenhäusern verkehrten nichts gemein hatte. Er fand Gefallen an mir, steckte mir stets ein paar Geldstücke extra zu und auch ich war ihm nicht abgeneigt. Da er aber verheiratet war, versündigte er sich schwer gegen Unseren Herrn. Wenn ich heute an ihn denke kommen mir die Sprüche Salomos in den Sinn, die da besagen: Trinke Wasser aus deiner Zisterne und was quillt aus deinem Brunnen. Sollen deine Quellen herausfließen auf die Straße und deine Wasserbäche auf die Gassen?.. Doch er allein ist unserem Herrn darüber Rechenschaft schuldig.

Diese Treffen fanden an wechselnden Orten statt, für die Frau Türlin Sorge trug. Es lag uns beiden daran, den Ruf der Ehrbaren nicht zu verlieren, denn obgleich ich arm war, zu den Unehrlichen wollte ich nicht zählen. Diesen Makel würde ich mein Leben lang nicht mehr los. Letztendlich kam es jedoch anders. Gern denke ich aber heute an diesen angesehenen Stadtbürger zurück, der sich mir gegenüber immer statthaft verhielt.

Die ‚gute Frau Türlin‘ erzählte uns viel über das geheime Leben und Treiben in der Stadt. Sie musste ja äußerst bedacht handeln, um nicht die Aufmerksamkeit des Rats auf sich zu ziehen, daher wusste sie über das inoffizielle Leben der Stadt vortrefflich Bescheid. Sie selbst war in Freiburg geboren worden, kannte viele Menschen in dieser Stadt, was selbstverständlich für die Art ihrer Tätigkeit von großem Vorteil war. Seit einigen Jahren war sie Witwe, hatte drei Kinder zu versorgen und fand mit der Nähstube sie ein kleines Auskommen, das sie eben durch den einen oder anderen Gefallen aufbesserte. Von Zeit zu Zeit sprach sie auch über andere Kupplerinnen, die es mit ihren Mädchen weniger gut meinten als sie. Ob ihre Geschichten der Wahrheit entsprachen oder ob sie lediglich dazu dienten, uns von anderen Frauen dieses Gewerbes fernzuhalten, kann ich heute nicht beurteilen. Damals glaubte ich ihr aufs Wort, sie besaß mein uneingeschränktes Vertrauen, was natürlich auf meine jungen Jahre zurückzuführen war. Sie erzählte von Frauen, die ihre Mädchen den Männern regelrecht ‚zutreiben‘ würden und benutzte dabei Wörter wie ‚aufgemacht‘ oder ‚eingestoßen‘, womit sie wohl meinte, dass wehrlose Mädchen den Männern ausgeliefert würden. Sie berichtete auch über Frauen, die einige Mädchen bei sich wohnen ließen und die Hälfte ihres Männerlohnes nahmen! Diese Mädchen machten das aber nicht mehr nur gelegentlich, wie ich und meine Schwester, sie bestritten heimlich ihren Unterhalt gänzlich aus dieser Arbeit. Das war natürlich nicht erlaubt, da sie den Rat um Steuereinnahmen brachten. Frau Türlin hatte auch von einer Frau gehört aus Konstanz, die während des Konzils ein unschuldiges Kind vermittelt hatte. Und das war eine große Sünde. Doch dieser Fall sei ans Tageslicht gekommen und vom Rat schwer bestraft worden. Der Mann wurde ertränkt, was mit der Kupplerin geschah, konnte sie nicht sagen. Wahrscheinlich musste sie die Stadt für immer verlassen. Angeblich gab es auch von Eltern, die ihre Kinder noch im zarten Alter für viel Geld Männern zur Verfügung stellten, Eltern denen nichts bewiesen werden konnte. Sie sprach mit Schauder über dieses abscheuliche Verhalten, selbst wenn die Eltern in äußerster Not handelten. So etwas hätte sie niemals getan, versicherte sie uns.

Die ‚gute Frau Türlin‘ vertraute uns auch an, dass sie manchmal sogar für Bürgersfrauen Kontakte mit Durchreisenden herstellte. Und das wollte mir nicht so recht in den Kopf. Sie meinte aber, die Frauen machten das meistens aus Lust und Abwechslung. Die Welt ist schon seltsam.

Aber so sehr das Geschäft auch florierte, aufpassen musste Frau Johanna allemal, denn auf Kuppelei standen hohe Strafen. Deshalb musste sie bei der Auswahl der Kunden Vorsicht walten lassen, was schließlich auch uns vor polizeilicher Kontrolle bewahrte. Das war natürlich für uns Mädchen von großem Vorteil. Letztendlich wusste der Rat wohl Bescheid und duldete stillschweigend ihre Tätigkeit, solange sie in geregelten Bahnen verlief. In späteren Jahren erzählte mir Klara, die mit mir im Frankfurter Frauenhaus war, dass sie in Nürnberg verwarnt worden sei, als man ihre Vermittlerin erwischte. Dass ausgerechnet ihr so etwas widerfuhr ist nicht weiter verwunderlich, war sie doch ein sehr einfältiges Mädchen (und ist es wohl auch geblieben) Für Klara ging die Sache damals glimpflich aus, wohingegen die Kupplerin der Stadt verwiesen wurde.

Ja, unsere ‚gute Frau Türlin ’ hatte viele Geschichten zu erzählen, die mich später vielleicht vor viel Unheil bewahrten, in das ich aufgrund meiner Unerfahrenheit zweifellos geschlittert wäre.

Katharina und ich waren länger als ein Jahr in Freiburg, bis wir diese Stadt verließen – allerdings in verschiedene Richtungen. Sie hatte einen jungen Mann kennengelernt – den Ferdinand, einen Landsknecht - in den sie sich verliebte. Mit ihm zog sie aus der Stadt. Nach all dem, was ich im Laufe meines Lebens über die Landsknechte noch zu hören bekommen sollte, musste ich oft an meine Schwester denken, die ich an jenem Tag, da sie die Stadt verließ, für immer aus den Augen verloren habe. Ich bete, dass ihr das Schicksal gnädig war.

Nun war ich wirklich alleine. Als auch die Geschäfte bei Frau Türlin liefen immer schlechter, beschloss ich gemeinsam mit Magdalena, einem Mädchen aus der Nähstube, nach Straßburg zu ziehen in der Absicht, uns dort als Dienstmägde oder Näherinnen zu verdingen. Wir zogen also nach Straßburg und nahmen am Stadtrand ein billiges Quartier. Die Suche nach Arbeit gestaltete sich aber schwierig, denn weder brauchte jemand Mägde, noch bestand Bedarf in Nähstuben, Spinnereien und Webereien. Unser Geld neigte sich allmählich dem Ende, also wir mussten etwas unternehmen. Wir versuchten es zunächst alleine und siehe da: es funktionierte nicht schlecht. Der beste Ort, um Kontakte zu knüpfen waren wie überall Gaststätten und Märkte. Die Wirtshäuser mit all den Gesellen, Knechten und Fremden boten zwar einen guten Boden, doch man musste äußerste Vorsicht walten lassen und durfte sich nicht allzu oft im selben Haus sehen lassen, denn beim geringsten Verdacht eines unehrlichen Broterwerbs hätte man uns den Zutritt verweigert. Es war ohnehin unserem Ruf nicht einträglich, dort zu verkehren, denn Frauen in unserem Alter an diesen Orten waren höchst verdächtig. Immerhin fand sich so manches Mannsbild dort, mit dem wir Zeitpunkt und Ort für unser Treffen verabredeten. Das war nicht immer leicht, denn zu uns konnten wir nicht. Das eine oder andere Mal nahm ich einen, wenn er mir besonders gefiel, mit auf unsere Kammer, doch was war das für eine Geheimniskrämerei, um nicht die Aufmerksamkeit des Vermieters und der Nachbarn zu erregen.Meistens aber trafen wir uns in dunklen Gassen, Lauben- und Kreuzgängen, in der Rheinufergegend, auf unbebauten Gebieten vor der Stadt oder Feldern und Gärten vor den Stadtmauern, das war sicherer. Ich hörte auch von einer Mühle außerhalb der Stadt, wo es bisweilen sehr fidel zugehen sollte, doch suchte ich diesen Ort niemals auf.. Manchmal nutzten wir auch nachts die Marktverschläge. Bequem war es nirgendwo, doch unsere Möglichkeiten waren mehr als beschränkt und die Männer nahmen einiges in Kauf, um ihre überschüssigen oder aufgestauten Säfte loszuwerden.

Wie gesagt, die Gaststätten boten eine Möglichkeit, Kundschaft zu angeln, doch einfacher und billiger, wenn auch weniger bequem, waren die Märkte und Kirchenvorhöfe. Hier ließ es sich zwar schnell untertauchen im Gewimmel, wenn es sein musste, doch bei Schlechtwetter war es die reinste Hölle. Das schlechte Wetter war generell für uns ein Problem, wie man sich denken kann, überhaupt wenn es länger anhielt.

Von Zeit zu Zeit bot sich auch in den Badestuben die Gelegenheit, eine Bekanntschaft zu machen. Eins sei aber an dieser Stelle gesagt: die Badestube, die Magdalena und ich besuchten, war eine ehrenhafte und diente uns lediglich dazu, Kontakte herzustellen. Ich hatte zwar schon von Bademägden gehört, die den Männern den Aufenthalt im Bad nicht nur mit den üblichen Diensten des Waschens, Pflegens und Massierens verschönten, doch unser Bad muss ich diesbezüglich in Schutz nehmen.

So bestritten wir also zunächst unseren Unterhalt. Das Geschäft ging zwar nicht schlecht, wir hatten keine Geldsorgen, es war jedoch bereits Spätsommer, der Winter nahte und für diese Jahreszeit hatten wir eine denkbar ungünstige Ausgangsposition. Ich hatte es ein wenig leichter als Magdalena, konnte mehr Geld verlangen als sie, denn ihr Gesicht war von einer kleinen Narbe an der linken Wange verunstaltet. In guten Wochen konnte ich, wenn ich es auf einen Kunden pro Tag/Nacht/ brachte mehr verdienen als die Wasch- und Putzfrauen der Stadt oder eine Landarbeiterin.

Mir graute aber bei dem Gedanken an den Winter, sodass ich alles daran setzte, irgendwo unterzukommen – als Schneiderin, Näherin, Köchin Seidenspinnerin, ich war nicht wählerisch. Obwohl ich wusste, dass mein Lohn ein geringerer sein würde, hatten diese Arbeiten eben auch Vorteile: sie waren sicherer und vor allem erlaubt. Selbst wenn das Leben auf der Straße manchmal ganz einträglich war, hatte ich immer noch große Angst, den Weg zurück zur ehrbaren Arbeit nicht mehr zu finden. Damals hatte ich noch nicht aufgegeben. Mittlerweile kannte ich einige Frauen, die entweder neben ihrer Arbeit gegen Bezahlung mit Männern verkehrten, weil sie mit dem Wenigen, das sie verdienten, sich und ihre Kinder nicht ernähren konnten, von ‚lichtfertigen frouwen‘ also keine Rede. Wer das sagte, hatte gewiss seine Schäfchen im Trockenen. Dem Himmel sei Dank (Gott vergebe mir diese Frevelei) hatte ich bis dahin Glück und war kinderlos.

Eine glückliche Fügung bescherte mir vor dem Winter eine Anstellung als Magd in einer mir bekannten Wirtsstube. Ich denke, der alte Grabmüller (das war der Wirt) ahnte, wovon ich bis dahin meinen Unterhalt bestritt. Und wenn ich es recht bedenke, hat er meine Situation schamlos ausgenützt. Er bot mir Essen, Unterkunft und einen geringen Lohn, was angesichts des anstehenden Winters ein verlockendes Angebot war. Im Gegenzug musste ich ihm oft zu Willen sei, wenn die Wirtin außer Haus war.

Magdalena hatte weniger Glück, sie fand keine Arbeit. Die Kunde vom Basler Konzil war jedoch in der Zwischenzeit auch zu uns gedrungen, sodass sie beschloss, ihr Glück dort zu versuchen, nachdem ich ihr viel über das Konstanzer Konzil erzählt hatte. Jahre später erfuhr ich, dass sich Basel die Konstanzer Erfahrungen zu Herzen genommen hatte und nicht so leichtfertig mit den jungen Frauen, die in ihre Stadt kamen, umging, die aber an Zahl das Konstanzer Konzil noch übertrafen.

Ich blieb also einige Zeit beim alten Grabmüller (er war fett, trank viel und stank nach Schweinestall) und seiner Frau - vielleicht waren es zwei Jahre – und arbeitete daneben manchmal heimlich auf der Straße, um mein kümmerliches Gehalt aufzubessern. In dieser Zeit lernte ich den Hans kennen, einen Schustergesellen, der oft zu uns in die Wirtschaft kam. Er war ein lustiger Bursche, aufgeweckt und gutaussehend dazu, und wir fanden bald Gefallen aneinander. Natürlich war das dem Wirt nicht recht, der war eifersüchtig, doch schließlich war ich eine freie Frau. Geld hatte Hans aber auch nicht viel, sein Gesellenlohn reichte gerade für ihn selbst. Im Grunde war er so arm wie ich, aber wir mochten einander. Er wusste über mich Bescheid, hieß mein Leben zwar nicht gut, hatte aber ein Einsehen, da es für uns beide von Vorteil war, wenn wir ein bisschen Geld sparen konnten, um die Stadt zu verlassen. Nach Frankfurt wollten wir, denn dort bot sich vielleicht eine bessere Chance für uns. Schließlich war dort immer viel los, vor allem, wenn Messen abgehalten wurden.

Also zog ich mit Hans im Frühling Richtung Frankfurt los, das wir erstens in diesem Jahr und zweitens nicht gemeinsam erreichten. Wir gelangten nach Heilbronn, wo wir beide glücklicherweise eine Anstellung fanden. Er konnte sein Handwerk ausüben, während ich in einer Seidenspinnerei unterkam. Dass wir mit diesen Arbeiten gerade unser Auslangen fanden, kann sich wohl jeder gut vorstellen. Eine Zeit lang ging das leidlich gut, doch als Hans einmal krank wurde, musste ich wieder Kontakte knüpfen – mit seinem Einverständnis. Das fiel mir nicht allzu schwer, denn im Laufe der Zeit hatte ich Übung darin bekommen. Ich machte das wie immer sehr vorsichtig, denn auf keinen Fall wollte ich die Aufmerksamkeit des Rats und auch nicht der Frauenhausdirnen auf mich ziehen, die über die heimliche Konkurrenz sehr erbost gewesen wären. Da gab es manchmal Übergriffe, ich hörte von einem in Landshut, wo Frauenhausdirnen ‚mit grozzem Geschray und lauten slahen‘ eine junge Frau durch die Stadt zogen und ihr die Kleider vom Leib rissen. Welch Schande! Es fehlte noch, dass sie ihr Dirnenkleider angezogen hätten. Keinesfalls wollte ich, dass mich dasselbe Schicksal ereilt. Außerdem wollte ich um keinen Preis den ‚dirnen die kuntlich und offenbar sind‘ zugerechnet werden.

Als Hans dann gesund geworden war und wieder arbeiten konnte, hatte ich gelegentlich noch Männerkontakte. Mit Hans ging es in dieser Zeit ganz gut, wir waren einander sehr zugetan, aber auch das sollte sich ändern, allerdings noch nicht in Heilbronn. Den Winter verbrachten wir noch in der Stadt, im darauffolgenden Frühjahr zogen wir weiter nach Heidelberg, wo sich unsere Wege schließlich trennten.

Zunächst war mit uns noch alles in Ordnung. Er kam bei einem Meister unter, ich arbeitete gelegentlich als Wäscherin, doch leichter war in Heidelberg mit Männern Geld zu verdienen. Mein Einkommen war nicht schlecht, ich konnte mir neue Kleider kaufen, putzte mich heraus. Manchmal gesellte ich mich zu den anderen Frauen auf dem Marktplatz, zu den Straßenhuren. Nun, zu jener Zeit hatte ich plötzlich eine ‚böse Stockung‘. Ich musste Hans Bescheid sagen, und ich glaube, das war der Zeitpunkt, als er nachzudenken begann. Um es vorweg zu nehmen, ich trug kein Kind unter meinem Herzen, doch der Bruch mit Hans wurde mit dieser Sache eingeleitet. Er begann darüber nachzudenken, dabei kam im wohl auch immer mehr in den Sinn, dass er mit mir – die ich jetzt gewissermaßen eine halböffentliche Dirne war – niemals in eine Zunft aufgenommen würde, und dass er nicht für einen Balg sorgen wollte, dessen Vaterschaft zweifelhaft gewesen wäre.

Hans verließ mich einige Monate später, zog Richtung Nürnberg – das sagte er zumindest – und ich war wieder alleine. Natürlich war ich zunächst sehr traurig darüber, und auch wütend – immerhin hatte ich während seiner Krankheit für ihn gesorgt und das von mir verdiente Geld war dafür mehr als recht, doch schließlich fand ich mich damit ab. Zu diesem Zeitpunkt bekam ich überdies Probleme ganz anderer Art – der Rat war auf mich aufmerksam geworden und lud mich vor. Was ich zu erwarten hatte, konnte ich mir vorstellen und genau das trat auch ein: ich wurde aus der Stadt verwiesen, weil man genug eigene Dirnen hätte, die als solche anerkannt wären, man brauchte keine fremden, die der städtischen Moral abträglich wären.

Daraufhin schloss ich mich einer Gruppe von Spielleuten und Gauklern an, die auf dem Weg zur Frankfurter Messe waren, was mir ohnehin sehr gelegen kam. Niemals hätte ich gewagt, mich alleine auf den Weg zu machen, viel zu viele Gefahren lauerten auf den Straßen. Ich war nicht die einzige alleinstehende Frau, die mit den Spielleuten zog. Wir waren mehrere junge Frauen, von denen einige ihren Unterhalt aus einschlägiger Beschäftigung und zuweilen aus Bettelei bezogen. Ich kann mich da noch an ein Mädchen erinnern – ihren Namen habe ich vergessen –, die hatte wirklich großes Pech. Ihr waren in Heidelberg die Haare abgeschnitten worden, bevor sie aus der Stadt verwiesen wurde. Das arme Ding. Sie hatte es ohnehin schon schwer genug, hatte keine Familie und sah auch nicht sehr gesund aus. Nun war sie auch noch gezeichnet und konnte sich nicht unauffällig unter die Leute mischen, da sie in Gesellschaft der Gaukler mit ihren geschnittenen Haaren sofort als ‚ofne varende frowe‘ identifiziert würde. Das Leben scheint manchmal nicht eben gerecht zu sein, doch der Herr in seiner Gnade und Güte wird wohl wissen, wem er dies alles aufbürdet.

Ich gelangte nun mit diesen Leuten nach Frankfurt, wo sich bereits zahlreiche Menschen zur Messe versammelt hatten. Zwar kannte ich bereits aus Basel, Freiburg und Straßburg Weihfeste, zu denen sich immer ein buntes Volksgemisch einfand, doch dieses Treiben in Frankfurt überwältigte mich. Ich sah viele herausgeputzte Leute, unter denen sich auch einige städtische Dirnen befanden, deren schöne Kleidung mich besonders beeindruckte, wenngleich die übrige Schönheit und die Vorzüge mancher dieser Frauen nicht auf den ersten Blick zu erkennen waren. Als ich diese Frauen sah, dachte bei mir: wenn ich mich nun schon für dieses Leben entscheiden musste, so möchte ich auch in den Genuss der Vorteile kommen. Mein Ruf war sowieso dahin, doch als Dirne des städtischen Frauenhauses gehörte ich doch gewissermaßen zur Stadt, hätte ein Dach über dem Kopf und müsste mich nicht um Kundschaft kümmern. Ich dürfte weiterhin an Prozessionen und Volksfesten teilnehmen in Gesellschaft meiner Standesgenossinnen, würde regelmäßig auf Kosten der Stadtkasse mit den feinen Herren und Damen zu Tisch sitzen.

Aber es war in Frankfurt gar nicht so einfach, seinen Platz zu finden. Ich musste zusehen, wie ich in der Stadt bleiben konnte. Während dieser Großveranstaltung waren wir Stadtfremde ja mehr oder weniger willkommene Gäste, doch mit Beendigung derselben, hatten wir die Stadt umgehend wieder zu verlassen.

Ich aber wollte um jeden Preis in Frankfurt bleiben, wo es für mich Arbeit genug gab. Also trennte ich mich bei der erstbesten Gelegenheit von meinen Begleitern - und diese Gelegenheit hieß zufällig Magdalena. Ich freute mich überaus, sie wiederzusehen, war sie doch die letzte, die ich hier in Frankfurt vermutete. Ich wähnte sie in Basel, wo immer noch das Konzil tagte, doch Basel erwies sich als kein guter Boden, zumindest nicht für Magdalena. Schon zu Beginn des Konzils hatte der Rat Maßnahmen ergriffen, die Dirnen aus der Stadt zu halten. Sie wurden teilweise mit hohen Strafen belegt, berichtete Magdalena, wovon sie auch selbst betroffen war, obwohl sie in einem öffentlichen Bordell wohnte. Man wollte wohl ein zweites Konstanz vermeiden, denke ich. Magdalena hatte daraufhin die Nase voll und kam über Stuttgart und Würzburg nach Frankfurt, wo sie nun ihr Geschäft offiziell auf der Straße verrichtete und dem Rat zu Abgaben verpflichtet war. Sie war es, die mir zu einer Unterkunft in einem Haus verhalf, in dem bereits einige Frauen unseresgleichen untergebracht waren und in dem es nicht immer friedlich abging. Immerhin waren wir Konkurrentinnen, doch nach außen hielten wir meistens zueinander. Das mussten wir, denn oft genug waren wir Anfeindungen der Bürger ausgesetzt.

Als Straßenmädchen hatten wir aber auch unseren Meister Wir waren dem Scharfrichterunterstellt, dem wir ein Drittel unserer Einkünfte zu zahlen hatten und der um unser Wohlergehen besorgt war. Nun, darüber gibt es verschiedene Auffassungen, wie am besten für uns Straßenmädchen zu sorgen wäre. Es ging nicht immer zimperlich ab mit unserem ‚Aufseher‘ Peter, dann und wann griff er zu drastischeren Mitteln, um sein Geld zu bekommen. Auch ich kam einmal mit einem blauen Auge davon, im wahrsten Sinne des Wortes. Doch er half uns bisweilen auch, wenn ein Kunde nicht zahlen wollte oder ein Mädchen gar zu hart angefasst wurde. War er doch der einzige, der uns immerhin den Hauch von Sicherheit bot in diesem recht- und schutzlosen Dasein. Doch wie gesagt, mit dem Schutz war es genaugenommen nicht so weit her. Im Großen und Ganzen kam ich aber mit Peter ganz gut zurecht, denn er hatte ein Auge auf mich geworfen. Das war ja nicht von Nachteil, doch mit Hans konnte er sich natürlich nicht messen. Er war doch ein rauher Geselle, trank gerne und hatte stets ein Auge auf andere Mädchen.

Während der Messe hatte ich viele Kontakte, sodass ich nun endlich in der Lage war, mir schönere Kleider anzuschaffen. Für uns galt das Luxusverbot, also: kein Gold, keine Perlen, kein Silber, keine Pelzbesätze, und wir mussten an unseren Kleidern am Rand eine gelbe Verzierung anbringen. Das Luxusverbot betraf aber ohnehin nur eine kleine Anzahl von Dirnen, da die meisten doch arm wie Kirchenmäuse waren. Es diente dazu "Umb daz dieselben dirnen und öden frowen unter erbern frowen erkant werden mögen", von denen manche die Dirnentracht gut zu Gesichte gestanden wäre. Gott verzeih mir diese kleine Boshaftigkeit, doch ich habe in meinem Leben genug gesehen. In Straßburg hatte ich gesehen, dass Dirnen einen Mantel tragen mussten, der drei Finger breit über der Erde sein sollte, in Basel mussten sie sich so etwas wie eine Tracht anlegen, das hieß: eine kurze Jacke und eine rote Haube. Ich hörte auch von Wien, wo die gemynen töchter ein gelbes Tüchlein an der Achsel anbringen mussten, und von Augsburg, wo Dirnen keinen paternoster von korallen haben durften und einen Schleier mit einem zwei Finger breiten grünen Strich zu tragen gezwungen waren und von Zürich. Dort hatte man sie, zu einem roten "Käppeli" verpflichtet. Ja, und ich hörte sogar von gelben Fähnlein an den Schuhen, doch wo das war, dessen entsinne ich mich nicht mehr. Auch in Köln mussten die Mädchen rote Schleier oder Kopftücher tragen, wie ich später feststellen konnte. Das Luxusverbot galt selbstverständlich überall, und das ist heute noch so. Hinsichtlich der Kleiderbestimmungen hat sich in den vergangenen dreißig Jahren nicht viel geändert.

Ich fügte mich also den Frankfurter Bestimmungen und brachte einige Jahre in der Stadt zu, in der mir viele Dinge widerfuhren, von denen ich nicht alle berichten kann. Vorweg, den Weg ins städtische Frauenhaus schaffte ich noch, obgleich das damals an einem seidenen Faden hing, denn – als ein Platz frei geworden war und ich auf Vermittlung des Scharfrichters Peter dort einziehen konnte, setzte just zu diesem Zeitpunkt meine ‚Frauenzeit‘ aus.

Vielleicht sollte ich an zuvor noch kurz über die Dirnenwettkämpfe berichten, die alljährlich während der Messe stattfanden. Das war ein Spaß. Da mussten wir Dirnen um die Wette laufen, das heißt, nur wer wollte. Doch wer jung und gesund war, hätte sich eine große Chance auf einen zusätzlichen Verdienst genommen, da der Gewinn bei diesen Wettkämpfen stattlich war. Einmal war es ein hochwertiges Stück Leinen, ein anderes Mal ein Geldbetrag, daher machte es sich allemal bezahlt, bei diesen Läufen mitzumachen. Selbst wenn man nicht gewann, so wie ich, hatte man eine beträchtliche Anzahl von Zusehern, sodass man dem Einen oder Anderen schöne Augen machen und mit schönen Beinen beeindrucken konnte. Denn schließlich mussten wir beim Laufen unsere Röcke heben, um nicht zu stürzen und schneller laufen zu können. Da wurde also so mancher Blick freigegeben, wobei gewiss einigen Männern der Mund wässrig wurde oder sonstige Säfte in Bewegung gerieten. In Summe waren diese Veranstaltungen für mich und Magdalena immer vergnüglich, da wir – wie die anderen Bürgerinnen auch - am öffentlichen Leben teilhaben konnten, das ja ansonsten für uns ziemlich beschränkt war. Es war uns untersagt, mit "erliken...vrouwenn tome danzte noch to jenigher selschup (Gesellschaft) zu gehen.", von Geselligkeiten der Oberschicht ganz zu schweigen, noch durften wir uns auf der Straße von einer Magd begleiten lassen oder in einem Kirchenstuhl stehen. Ja, und in einigen Städten war uns frouwelins leider auch das Heiraten untersagt, nicht aber in Frankfurt. Das war für Magdalena ein großes Glück, sie ehelichte zu jenem Zeitpunkt, da ich ins städtische Frauenhaus ging, einen Tagelöhner, mit dem sie Frankfurt verließ, um ein neues Leben zu beginnen. Vielleicht schaffte sie es, ins ehrliche Leben zurückzukehren. Die Frauen, denen das gelang, kann ich an einer Hand abzählen.

Als ich es endlich geschafft hatte ins Frankfurter Frauenhaus einzuziehen - dank Peter - setzte also meine ‚Frauenzeit‘ aus, und ich befürchtete das Schlimmste. Bloß kein Kind. Ich hatte weder Geld, um mich während der letzte Zeit der Schwangerschaft durchzubringen, noch hätte mich das Frauenhaus unter diesen Bedingungen aufgenommen. Letztlich weiß ich bis heute nicht, ob ich ein Kind in mir trug, oder ob es lediglich eine ‚böse Stockung‘ war, wie damals bei Hans. Doch ich riskierte nichts, ließ nichts unversucht, um erst gar keine Gewissheit zu erlangen. Frau Türlin, für die ich in Freiburg einst arbeitete, hatte uns Mädchen auf diesen Fall vorbereitet. Jetzt galt es, sich daran zu erinnern. Nach Möglichkeit sollte es aber vor dem sechzigsten Tag nach Empfängnis geschehen, da dem wachsenden Leben erst zu diesem Zeitpunkt vom Herrn eine Seele eingehaucht wird. Wie sollte ich aber wissen, wann der sechzigste Tag ist? Und wo konnte ich nun all diese Dinge besorgen, die ich benötigte? Die Hebammen wussten sicherlich auch darüber Bescheid, falls mir nicht mehr alles einfiel, doch sie durften ja unter keinen Umständen Leben verhindern und hätten es dem Rat melden müssen. Fruchtabtreibungen waren ja strafbar.

Der Sadebaum, der kam mir sofort in den Sinn, der könnte mir meine ‚Frauenzeit‘ wiederbringen. Doch zunächst versuchte ich es beim Apotheker, von dem ich wusste, dass er über eine ansehnliche Zahl an Kräutern verfügte, die mir die ‚Stunden‘ wiederbringen konnten. Zuerst versuchte ich es mit Nieswurz und Weißem Germer, die ich in meine untere Körperöffnung einlegte. Dazu nahm ich Sitzbäder in Beifuß, und braute mir einen Trank aus demselben. All das bescherte mir nichts als Durchfälle und Übelkeit. Klara, die später mit mir im Frauenhaus war, bot mir zusätzlich Zäpfchen aus Schlangenkraut an, die ich aber ablehnte, da mir Schlangen von je her nicht geheuer waren. Als all meine Bemühungen nichts fruchteten - ich sprang, tanzte und hob schwere Gegenstände, wo immer es ging - als aber all das nichts fruchtete, entschloss ich mich, den Scharfrichter Peter zu ersuchen, ob er mir nicht beim Totengräber die jungen Triebe des Sadebaums besorgen könnte. Bis dahin band ich mir einen Blutstein um den Oberschenkel. Aus den getrockneten Blättern des Baumes braute ich alsdann einen Trank. (An diesen üblen Geruch kann ich mich heute noch sehr genau erinnern.) Eine Frau aus meinem Wohnhaus, die von meinen Unternehmungen Wind bekam, mahnte mich zur Vorsicht, da sie schon Frauen an den Wirkungen des Sadebaums hatte sterben sehen – und nicht nur eine! – da wurde mir sehr mulmig zumute. Der Sadebaum tat schließlich seine Wirkung, die böse Stockung brach unter Krämpfen mit einem Mal aus mir heraus, und ich muss sagen, dass sich wirklich einiges aufgestaut hatte.

Natürlich hätte es auch andere Frauenhäuser gegeben, die manchmal von Frauen, manchmal von Männern geführt wurden, oder wie in Straßburg Gemeinschaftshäuser von Dirnen, die für sich selbst Sorge trugen und eine aus ihrer Mitte mit der Leitung beauftragten, aber ich wollte in das städtische, das von allen zweifelsohne das beste war. Selbst wenn es Außenstehenden nicht so bekannt war, dass die Stadt für dieses Haus Sorge trug, wir wussten alle darüber Bescheid. Nicht nur dass der Wirt (Michel hieß er, aber wir nannten ihn immer Wirt) Steuern für dieses Haus zu bezahlen hatte, das hatten die anderen auch, aber als einmal das Dach undicht zu werden begann, kam der Rat für die Instandhaltung auf. Die anderen Wirte und Wirtinnen mussten für die Gebäude selbst sorgen, was natürlich oft auf Kosten der Mädchen ging. Wenn dann ein Wirt seine Zinsen oder Steuern an den Rat nicht bezahlen konnte, weil die Geschäfte schlecht gingen oder er Ausgaben für das Haus zu tätigen hatten dann konnte er auch vertrieben werden – die meisten gingen aber freiwillig, das heißt: verschwanden auf Nimmerwiedersehen. Oder aber der Rat gab sich mit den geringen Beträgen, die in die Stadtkasse eingingen, zufrieden. In Frankfurt gab es während meiner Zeit in dieser Hinsicht keine Probleme.

So groß wie das Haus in Nürnberg, in dem sich angeblich 26 Frauen aufhielten!, war unseres aber lange nicht. Wir hatten Platz für neun Frauen, doch neben unserem entstand zwei Jahre nach dem Basler Konzil ein weiteres Haus für sechs Frauen. Bei uns gab es einen Aufenthaltsraum im unteren Stockwerk, in dem die Gäste versorgt wurden, eine Küche, eine Badestube und schließlich hatte jede ihre eigene Kammer. Das war geradezu ein Luxus! Ja, und dann waren noch die Wohnräume der Wirtsleute.

Unser Haus lag am Stadtrand in der Nähe des Flusses, was manchmal problematisch war, wenn es viel regnete und die Flüsse Hochwasser führten. Wir mussten dann ständig damit rechnen, das Haus zu verlassen. Obendrein roch es hier nicht immer angenehm, da uns der Wind zeitweilig den üblen Geruch der städtischen Abwässer zutrug, die nicht allzu weit entfernt in den Fluss geleitet wurden. Und wer weiß, welche Krankheiten uns dadurch bedrohten.

Doch trotz allem konnte sich unser Haus wirklich sehen lassen und gewiss einer Konkurrenz mit dem städtischen Nürnberger Haus standhalten. Wir hatten ein großes und 19 kleine Glasfenster, der Rat ließ auch mehrere Öfen einbauen, so dass wir über mehr als nur einen beheizbaren Raum im Winter verfügten. All das war natürlich dem Geschäft sehr einträglich, gerade in Frankfurt, wo so viele auswärtige Gäste ins Frauenhaus kamen. Da war der Ruf schon wichtig, und das ließ sich die Stadt etwas kosten.

Mit meinem Eintritt gehörte ich nun definitiv der städtischen Gemeinschaft an, wenn auch nicht als angesehene Bürgerin, sondern am anderen Ende der Hierarchie, doch immerhin stand ich nun unter dem rechtliche Schutz der Stadt. Als es einmal Probleme mit einigem Kunden gab, der Klara halb tot geschlagen hatte, konnten wir beim Rat klagen, da sich zwei ehrbare Männer als Zeugen fanden, und die Übeltäter wurden ihrer gerechten Strafe zugeführt, Entschädigung bekamen wir freilich nicht. Ja und als einmal ein blutjunges Ding – der Herr sei ihrer Seele gnädig – in eine Messerstecherei geriet und dabei zu Tode kam, klagte sogar der Rat selbst den Täter und bestrafte ihn, denn schließlich musste der Stadtfriede gewahrt bleiben.

Wie man an diesen Begebenheiten ablesen kann, war das Frauenhaus also keine Insel der seligen Dirnen. Oft waren wir Mädchen Ziel von Gewalttätigkeiten. Die Liste der Vergehen, die ich an dieser Stelle nennen könnte, ist überaus lang. Warum hätte es bei uns auch anders sein sollen als in anderen Wirtshäusern. Zur Abschreckung war in unserem Haus aber die Attrappe eines Halseisens angebracht, die jeden an die ihm drohende Strafe erinnern sollte, falls er sich ungebührlich benahm. Genutzt hat es freilich nichts. Bei Raufhändel wurde des öfteren die Einrichtung beschädigt, es kam oft zu Tumulten, wir Mädchen wurden beschimpft und geschlagen - nicht nur von den Gästen - dann und wann zückte der Wirt sein Messer, wenn es die Gäste zu bunt trieben, wobei nicht nur einmal ein Gast tödlich verletzt wurde. Bisweilen musste man wirklich um sein Leben fürchten.

Und was hatten wir Probleme mit den Ehemännern und Klerikern, die uns immer wieder besuchten, aber eigentlich von rechts wegen das nicht gedurft hätten. Oft ging es gut, doch von Zeit zu Zeit wurden wir und sie Opfer einer städtischen Kontrolle.

An zwei Dinge hielt sich das Frankfurter Frauenhaus aber beinahe immer: das waren die Öffnungszeiten und das Judenverbot. Ich hätte mich ohnedies niemals mit einem Juden eingelassen. Selbst eine Frau wie ich hat ihre Ehre und ihre Prinzipien. Bestraft wollte ich dafür schon gar nicht werden, denn beim Verkehr mit Juden kannte der Rat kein Nachsehen. Eigentlich war ich um dieses Verbot sehr froh, denn mit Brunnenvergiftern und Hostienschändern wollte ich bei Gott nicht zu tun haben, da waren mir die Ehemänner und Kleriker schon lieber.

Unter den Gästen befand sich nicht selten so mancher ungemütliche Zeitgenosse, und ich könnte nicht sagen, dass sich dabei die Knechte oder die Handwerksgesellen, die Tagelöhner oder die Studenten besonders hervor getan hätten. Ein Fleischergeselle oder ein Ackerknecht konnte allemal angenehmer sein als ein Schneider oder ein Badestubenknecht. Besonders gefielen mir die Lehrjungen, die Gesellen von Zeit zu Zeit mit zu uns brachten. Die zitterten ja schon, wenn sich eine von uns auf zwei Fuß an sie heranwagten, spielten aber natürlich den Erfahrenen, um sich keine Blöße zu geben. Das ganze Haus hat sich nicht nur einmal auf ihre Kosten amüsiert. Doch uns konnten sie nichts vormachen, spätestens wenn wir alleine waren, wusste man, was es geschlagen hat. Nun, immerhin war es schnell verdientes Geld..

Das Haus hielt sich auch im Großen und Ganzen an die Öffnungszeiten, die von der Stadt festgesetzt waren. Selbstverständlich mussten wir nachts geschlossen haben. Spätestens um zehn war die Nachtruhe angesetzt. Das wusste ich bereits, da diese Regelung auch für Straßendirnen galt. Ein großes Verbot lag aber vor allem über den ‚heiligen Tagen‘, da standen bei Übertretung hohe Geldstrafen für den Wirt und den Kunden in Aussicht. Zum zehenden soll der wiert alle sambstag, auch alle unser frawen und zwolffbotten abend nach der vesper, auch alle unser frawen tag und die karwochen ganz durchaus das haus beschliessen, und dasselbig zu den selben zeitten zu den sünden nit offnen. Dazu musste sich der Wirt beim Eid, den er in seiner Funktion als Frauenwirt zu leisten hatte, vor dem Rat verpflichten. Letztendlich oblag es dem Frauenwirt, ob all diese Gebote eingehalten wurden oder nicht. Freilich war er bestrebt, Unannehmlichkeiten zu vermeiden, von denen es ohnehin genügend gab, dann und wann setzte er sich aber doch über diese Verbote hinweg. Auch wir Frauen sollten uns während der HeiligenTage nicht auf den Straßen zeigen - wahrscheinlich um Gottes Antlitz nicht zu beleidigen -, es sei denn in der Kirche. Damals war ich aber nicht sehr begierig auf den Kirchgang, der Herr verzeihe mir diese Dummheit. Also blieb ich im Haus.

Mit den anderen Mädchen kam ich damals ganz gut zurecht. Natürlich gab es Reibereien, doch die hielten sich in Grenzen. So erträglich wie damals war mein Leben später lange nicht mehr. Die meisten meiner Standesgenossinnen stammten wie ich aus einer armen Familie. Von all den Mädchen, war nur eine aus Frankfurt, die meisten kamen entweder aus der näheren Umgebung oder hatten wie ich schon längere Strecken zurückgelegt. Mehrheitlich zwang alle wirtschaftliche Not zu diesem Erwerb, namentlich Maria aus Köln hatte es der letzten Hungersnot zu verdanken, dass sie sich hier befand, Johanna aus Aachen nötigte eine längere Krankheit dazu, sich auf der Straße durch das Leben zu schlagen. Eine mögliche Krankheit hing ohnedies wie ein Damoklesschwert über unseren Köpfen, ebenso eine Schwangerschaft, beides hätte uns zum Verlassen dieses Ortes gezwungen. Der Wirt war angewiesen, kranke und schwangere Dirnen unverzüglich aus dem Hause zu entfernen, das war eben üblich. Wir wussten das und versuchten für diesen Fall ein wenig Geld anzusparen. Einzig die Dirnen in Ulm hat das Schicksal diesbezüglich begünstigt. Für sie gab es zumindest im Krankheitsfall eine Gemeinschaftskasse. In dieser Sache war uns das Glück weniger hold. Immerhin konnte ich in all den Jahren so viel beiseite legen, wie ein Knecht in fünfzig Tagen verdient, da ich mich nie beim Wirt verschuldete und meine Kunden zahlreich waren. Doch da bildete ich eine Ausnahme. Die meisten Frauen, die ich kannte, waren bettelarm und träumten davon, sich Geld beiseite zu schaffen für spätere Jahre, aber diese Möglichkeit schwand mit zunehmendem Alter. Wie es jene Frau in Hamburg schaffte, die bei ihrem Tod so viel Geld hinterließ, wie alle Frauenhäuser in Hamburg zusammen in vierzehn Jahren dem Rat zahlen mussten, verstehe ich nun aber wirklich nicht.

Die Beträge waren alle genau festgelegt, die wir dem Wirt für Kleidung, Nahrung, Bett und Wäsche zu bezahlen hatten, auch wieviel wir dem Wirt von den Einnahmen mit Kunden zu geben hatten. Doch billig waren die Kleider nicht, mit denen wir ausgestattet waren, will sagen: er verlangte einen geschmalzenen Preis dafür, das Essen war auch teuer, daher blieb uns nicht allzuviel. Er war schon ein Halsabschneider, der Wirt. Reich werden konnte man hier sicher nicht, im Gegenteil, viele Frauen haben sich beim Wirt verschuldet. Ich kannte eine, die hatte sich bei ihrem Wirt so hoch verschuldet, dass er sie verkaufte - nicht ohne sie vorher noch gehörig verprügelt zu haben, wie es in vielen Häusern üblich war. Eigentlich ist es den Wirten nicht gestattet, die Mädchen zu verpfänden oder zu verkaufen und auch nicht über Gebühr zu schlagen, doch wen kümmert schon eine Dirne. Wir sollten vielmehr in gebuerlicher zimlichkeit behandelt werden. In Wirklichkeit konnten manche froh sein, von ihren Frauenwirten nicht erschlagen zu werden.

Meinem Wirt wurde zu jener Zeit auch ein Mädchen zum Kauf angeboten, sie war ihm aber zu jung und er meinte, er hätte sie bestimmt zur Arbeit zwingen müssen und er hätte mit seinen Frauen genug am Hals. Zudem hätte er gerade Frieden im Haus, um den er sich nicht durch eine unbedachte Handlung bringen möchte. Ein paar Tage nach diesem Zwischenfall begegnete mir selbiges Mädchen in Begleitung einer mir bekannten Dirne und sie sah beileibe nicht gut aus. Der Wirt hatte sie übel zugerichtet, sie konnte einem wirklich leid tun. Ich bin sicher, dass er ihr in jeder Beziehung Gewalt angetan hatte. Theoretisch hätte sie ihn anzeigen können, sie hätte ihn sogar wegen Vergewaltigung anklagen können, doch er ließ sie bestimmt keinen Augenblick aus den Augen, denn immerhin hatte er für sie bezahlt. Vielleicht würde ihr einmal die Flucht gelingen. Ich kannte ihre Begleiterin, wir waren damals nicht gut aufeinander zu sprechen, da lebhafte Konkurrenz in der Stadt herrschte und ich mit ihr vormals schon einige Male auf der Straße aneinandergeraten bin. Sie wurde öfters des Diebstahls bezichtigt, machte die anderen Straßenfrauen bei den Kunden schlecht. Wir gingen einander aus dem Weg, deshalb konnte ich auch mit dem Mädchen kein Wort wechseln. Es hätte ihr wahrscheinlich ohnehin nichts genützt, und was sollte ich mich in fremde Angelegenheiten mischen. Ich hatte mit mir selbst genug zu tun. Bei Elsa der Diebischen würde sie ihr Handwerk schon lernen.

Nun, an dieser Stelle muss ich gestehen, dass auch ich in meinem Leben nicht nur gegen das Gebot eines züchtigen Lebens verstoßen habe, sondern mich das eine oder andere Mal zum Diebstahl hinreißen habe lassen. Manchmal habe ich einen Kunden bestohlen, als ich noch auf der Straße arbeitete, allerdings nur Reisende, die die Stadt ohnehin am darauffolgenden Tag verließen. Es waren auch immer nur ganz kleine Beträge oder Dinge. Die Verlockung war manchmal zu groß. Im Frauenhaus war es zu gefährlich, denn unser Wirt sah es gar nicht gerne, wenn seine Mädchen Gäste bestahlen. Das schadete dem Ruf.

Oft kam es auch zu unterhaltsamen Geselligkeiten. Es wurde viel getrunken, ‚gespilt und kartet‘, und gegessen - die Gäste waren verpflichtet, auch uns zu Essen und Trinken einzuladen – es wurde gesungen und getanzt. Das war dem Wirt nicht immer recht, da uns manche Gesellen aus dem Haus weg zum Tanze führten. Eigentlich hätte der Wirt das Glücksspiel verbieten und anzeigen müssen, doch auch das war für ihn ein zusätzliches Geschäft, das seine Vergabe von Kleinkrediten mit unterstützte, (die übrigens so manche Frau oder Tochter eines Bürgers zur Schuldentilgung kurzfristig ins Frauenhaus bringen konnte - heimlich, versteht sich .) Aber diese anfangs so geselligen Veranstaltungen konnten eben auch als gewalttätige Auseinandersetzungen enden, bei der mehr als einmal eines unserer Mädchen zu Schaden kam. Dem Himmel sei`s gedankt, dass ich davon nicht betroffen war.

Und so vergingen wieder einige Jahre. Der Scharfricher Peter hatte sich schon vor geraumer Zeit von mir wegen einer Jüngeren getrennt, und mir wurde bewusst, dass ich meine Jugendlichkeit zunehmend einbüßte. Ich zählte immer noch zu den hübschesten im Frauenhaus, das stand außer Zweifel, doch letztlich ist auch die Schönheit, die in diesem Gewerbe über Armut oder erträglichem Leben entscheidet, der Vergänglichkeit unterworfen.

Meine Arbeit im Frankfurter Frauenhaus wurde dann jäh beendet, als ich schwanger wurde und sämtliche Mittel, die Frucht vor der Zeit abzutreiben (der Herr möge Nachsicht mit mir walten lassen), nichts halfen. Ich hatte genug Geld gespart, um mich bis zur Geburt des Kindes und noch einige Zeit danach durchzubringen, behalten wollte ich das Kind aber nicht.

Als ich meinen Zustand nicht mehr verheimlichen konnte, jagte mich der Wirt davon. Er wollte nicht, dass wieder ein Kind im Frauenhaus zur Welt käme, das war immer nur mit Problemen verbunden. Damit hatte ich ohnehin gerechnet, packte das Wenige, was ich hatte und zog mit den Nächstbesten nach Mainz. Ich hatte die Absicht, mich mit kleinen, schlecht bezahlten Arbeiten als Näherin oder Spinnerin bis zur Geburt des Kindes über die Runden zu bringen. In Mainz arbeitete ich dann um einen Hungerlohn, der kaum zum Überleben gereicht hätte, wenn da nicht meine Ersparnisse gewesen wären. Dort brachte ich auch mein kleines Mädchen zur Welt, das ich Katharina, nach meiner Schwester, nannte. Kurz nach der Geburt, setzte ich in die Tat um, was von Anfang an mein Plan und sicherlich auch das beste für mein Mädchen war – doch es fiel mir nicht leicht, Gott ist mein Zeuge. Nachdem ich die kleine Katharina getauft hatte, wickelte ich sie in ein Leinentuch und übergab sie der Obhut des Findelhauses. Es war keine sternenklare Nacht, als ich sie vor der Schwelle zurückließ, warm war es nicht, obwohl der Frühling schon Einzug hielt. Dann verließ ich umgehend die Stadt. Mein Ziel war Köln.

Ich war noch sehr schwach, mein Körper war wund und doch musste ich zusehen, bald wieder zu Geld zu kommen. Die Reise war beschwerlich, ich hielt mich kurz in Koblenz und Bonn auf, war dort einigen Männern zu Diensten, wollte aber nirgendwo länger bleiben. In Köln nahm ich dann Quartier am Altgrabengässchen, neben dem sich zu meinem Leidwesen ein Findlingshaus befand. Schlimme Träume quälten mich nachts, es dauerte lange bis mein kleines Mädchen in meiner Seele seine Ruhe fand. Auch heute muss ich noch manchmal an sie denken. Was wohl aus ihr geworden ist, ob sie das Kindesalter überlebte? Ich bete für sie.

Mit der Geburt von Katharina hatte sich viel in meinem Leben geändert, und ich könnte nicht sagen, dass es besser geworden ist. Die Frankfurter Zeiten kamen nie wieder, auch meine Schönheit fing nun allmählich an zu verblassen. Die Schwangerschaft und die Geburt hatten ihre Spuren hinterlassen. Ausgezehrt von den Anstrengungen der Geburt und der Reise streckte mich zunächst ein Fieber nieder, das mich beinahe zu unserem gütigen Herrn gebracht hätte. Er aber hatte für mich noch etwas anderes vorgesehen, was ich aber erst viel später erkannte. Nachdem ich mich schließlich ein wenig erholt hatte, machte ich mich mit der Stadt vertraut, die für die nächste Zeit meine Heimat werden sollte.

Viele ‚Pfaffenhuren‘ waren da in Köln, das fiel mir gleich auf. Ich selbst versuchte es zunächst heimlich, doch bald kam man mir auf die Schliche. Mir lag auch gar nicht mehr so viel daran, meinen Lebenswandel geheim zu halten. In gewisser Weise war es mir gleichgültig geworden. Es fand sich für mich ein Platz in einem Frauenhaus auf dem Berlich, oder anders gesagt: ich wurde dorthin geschickt. Was soll ich sagen: niemals war dieses Haus mit jenem in Frankfurt zu vergleichen. "ein hulzen gehuise mit steinen gereien" Es war nicht einmal ein billiger Abglanz, es war ein Haus der übelsten Sorte. In seiner Größe konnte es sich zwar mit dem Frankfurter Haus messen, doch das war schon alles. Die Geschäfte gingen schlecht, zu viele ‚Schlupfhuren‘ saßen in der Stadt, die uns starke Konkurrenz machten, da sie den Vorteil der Jugend für sich hatten. Der Wirt in diesem Haus spielte uns übel mit, gab uns nur das Nötigste, prügelte uns und säte Zwietracht zwischen uns, wohl in der Absicht, dass wir uns nicht gegen ihn verbündeten. Die meisten waren vom Wirt abhängig, hatten Schulden bei ihm, denn er verlangte von uns viel Geld für das Essen und die Kleidung, die ohnehin schäbig war. Und wer sich nicht freikaufen konnte, musste eben bleiben. Zwei Frauen hat er während meines Aufenthalts an andere Häuser verkauft, ich glaube nach Bonn. Ob´s ihnen dort besser erging, möchte ich bezweifeln.

Ich legte also den roten Schleier an und sann darüber nach, wie ich am besten diesen unseligen Ort wieder verlassen könnte. Wäre ich jünger gewesen, hätte ich mein Glück wieder im Wirtshaus oder hier auch in der Badestube versucht, dem war aber nicht so. Neben dem Frauenhaus trachtete ich noch heimlich zu Geld zu kommen. Gelegentlich ergaben sich Kontakte auf der Straße, wenn ich das Haus verlassen durfte. Auf diese Weise blieb mir eine Verschuldung beim Wirt erspart, sodass ich diese Stadt, die für mich mit all jenen schlechten Dingen angereichert war, von denen ich bisher erzählt habe und die kaum Platz für die angenehmen Dinge des Lebens bot, ja dass ich diese Stadt verlassen konnte und nach Bonn zog.

In Bonn aber begann ich ernsthaft über meine Zukunft nachzudenken. Besonders rosig war es um meine Zukunftsausssichten nicht bestellt. Die Chance auf die Heirat eines Knechts oder Gesellen hat sich mit den Jahren verflüchtigt, die jüngste war ich ja nun nicht mehr, Aussteuer hatte ich auch keine und Bonn war nicht Nürnberg. Dort hätte mir die Stadt immerhin eine Aussteuer zur Verfügung gestellt, gesetzt den Fall, ich hätte jemanden gefunden, der mich heiraten wollte. Doch erstens mangelte es mir bereits an jugendlicher Frische und zweitens, hätten sich viele Gesellen damit ihre Zukunftschancen verbaut. Das hatte mir Hans ja deutlich zu verstehen gegeben. Den ‚Reuerinnen‘ wollte ich mich auch nicht anschließen, dazu war ich noch nicht bereit, und das war auch gut so, denn: einmal bei den Reuerinnen hätte mich ein Rückfall unter Umständen das Leben gekostet. Mit fortschreitendem Alter verändert sich aber die Möglichkeit und Perspektive, wie man an meinem Aufenthalt in diesem Konvent sehen kann.

Da ich zu dieser Zeit aber noch arbeitsfähig war, sah ich mich in Bonn zunächst nach Lohnarbeit um, was mich nicht an der einen oder anderen männlichen Gelegenheit hinderte. Zunächst arbeitete ich als Wäscherin, kam dann aber in der Spinnstube der kinderlosen Witwe Magdalena Lamparter unter, in der einige junge Mädchen waren, die mich an meine eigene Jugend erinnerten. Mit der Lamparterin kam ich ganz gut zurecht. Sie wusste von meiner anderen Tätigkeit (die jedoch zunehmend spärlicher wurde) und dachte selbst daran, ihr Einkommen ein bisschen aufzubessern. Kurz und gut, wir taten uns zusammen, sie verfügte über die nötigen Kenntnisse der städtischen Infrastruktur, ich über langjährige Erfahrung und so vermittelten wir einen Teil unserer Mädchen, aber auch andere, die an uns herantraten. Anfangs ging das Geschäft schleppend, doch mit den Jahren war in gewissen Kreisen unser Bekanntheitsgrad gewachsen. Wir waren eine zuverlässige Adresse geworden, und konnten zudem für passable Qualität garantieren. Die Nachfrage nach jungen Mädchen hatte sich, seit ich mit dieser Arbeit vertraut gemacht worden war, nicht geändert. Und so hatten wir einige Jahre ein nettes Auskommen, wir lebten leidlich. Eines Tages wandte sich auch jener gebildete Mann aus Köln an uns, dem ich meine gegenwärtige Situation zu verdanken habe. Er war Universitätslehrer, konnte ich in Erfahrung bringen, und musste von Zeit zu Zeit nach Bonn reisen, um seine Studien zu betreiben. Ein sehr umgänglicher und großzügiger Mann. Mehr als zwei Jahre war er uns ein treuer Kunde, zuverlässig und verschwiegen, doch ihn plagte eine Krankheit, die ihn zunehmend zeichnete. Und eines Tages kam er nicht mehr.

In all diesen Jahren, es waren wohl zehn oder zwölf, sind auch meine Arme und mein Rücken immer schlechter geworden und es war absehbar, dass ich nicht mehr lange arbeiten würde können. Vielleicht noch fünf Jahre, wenn ich Glück hatte. Ich sah mich bereits auf der Straße betteln – von meiner Ersparnis hätte ich vielleicht ein Jahr leben können - als mich die Nachricht vom Tod dieses Mannes und von seinem Testament erreichte. Und Gott weiß, wie groß meine Freude über diese Nachricht war! (natürlich nicht über den Tod dieses seligen Mannes) Dass gerade mir dieses Wunder zuteil wurde, ist zweifellos ein Beweis für die unermessliche Güte Unseres Herren.

Nun, der gute Herr Universitätslehrer hatte verfügt, dass ich in das Konvent ‚Zur Büchse‘ aufgenommen würde. Dass er mich gut leiden konnte, wusste ich, doch meine von ihm gewünschte Anwesenheit im Konvent hatte vermutlich auch andere Gründe: er meinte wohl, dass ich mit meiner Lebenserfahrung den Mädchen eine Stütze sein und früh die Anzeichen von Rückfälligkeit erkennen würde. Dem ist auch so, selbst wenn mein Zureden nicht alle von ihrer Absicht abbringen kann, das Konvent wieder zu verlassen.

Und so beschloss ich, den Rest meines Lebens in den Dienst Gottes zu stellen und Mädchen vor jenem Übel zu bewahren, das ich an so vielen Frauen mit ansehen musste. Der Rest meiner Geschichte ist bekannt und meinem Leben als Dirne gilt es nun nichts mehr hinzuzufügen. Gewiss habe ich das eine oder andere vergessen zu berichten. Gott hat es in sein Buch geschrieben und wird dereinst darüber Rechenschaft von mir fordern.


Literatur:
Ennen. Edith: Frauen im Mittelalter. München 1994. 4.Aufl.

Dtv- Atlas zur Weltgeschichte. Bd.1., München 1995. 29. Aufl.

Irsigler,Franz./Lassotta, Arnold: Bettler und Gaukler, Dirnen und Henker. Außenseiter in einer mittelalterlichen Stadt. Köln 1984

Kühnel, Harri: Alltag im Spätmittelalter. Graz, Wien, Köln. 1986

Roeck, Bernd: Außenseiter, Randgruppen, Minderheiten. Fremde im Deutschland der frühen Neuzeit. Göttingen.

Schuster, Beate: Die freien Frauen: Dirnen und Frauenhäuser im 15. Und 16. Jahrhundert. Frankfurt 1995

Schuster, Beate: Die unendlichen Frauen. Prostitution und städtische Ordnung in Konstanz im 15./16. Jahrhundert. Konstanz 1996

Schuster, Peter: Das Frauenhaus. Städtische Bordelle in Deutschland (1350-1600). Paderborn 1992

Graus Frantisek: Randgruppen der städtischen Gesellschaft im Spätmittelalter. In: Zeitschrift für Historische Forschungen 4 (1981), S.385-437

Jerouscheck, Günter: Antikes Erbe, weltliche Gesetzgebung und kanonisches Recht. In: Geschichte der Abtreibung. Von der Antike bis zur Gegenwart. Robert Jütte (Hg.). S. 44-67. München 1993

Leibrock-Plehn, Larissa: Frühe Neuzeit. Hebammen, Kräutermedizin und weltliche Justiz. In: Geschichte der Abtreibung. Von der Antike bis zur Gegenwart. Robert Jütte (Hg.). S. 68-90. München 1993

Rath, Brigitte: Prostitution und spätmittelalterliche Gesellschaft im österreichisch-süddeutschen Raum. In: Veröffentlichungen des Instituts für mittelalterliche Realienkunde Nr.9. Frau und spätmittelalterlicher Alltag. S. 553-571. Wien 1986

Rath, Brigitte: Von Huren, die keine sind..., In:Privatisierung der Triebe. Sexualität in der Frühen Neuzeit. Erlach/Reisenleitner/Vocelka (Hg.). Frühneuzeit-Studien Bd.1. S.349-366. Frankfurt.

Fachdidaktischer Teil

 
 

Das Thema ‚Prostitution im Mittelalter‘ habe ich für die Oberstufe zur Vertiefung des großen Themenblocks Mittelalter gewählt. Im Lehrplan ist das Mittelalter für die 6. Klasse AHS oder 4. Klasse BHS vorgesehen, wobei eine zeitliche und inhaltliche Gewichtung den LehrerInnen freisteht.

Da sich die SchülerInnen mit sechzehn/siebzehn Jahren in einer Entwicklungsphase befinden, in der das Interesse an Geschlechtlichkeit und Sexualität im Wachsen begriffen ist, darf großteils mit Aufmerksamkeit und Beteiligung von Seiten der SchülerInnen gerechnet werden. Dieses Thema legt zudem einen Gegenwartsbezug nahe und wird daher auch als Anlass verstanden, die gegenwärtige gesellschaftliche und soziale Situation von Prostituierten zu beleuchten.

Historische Vorkenntnisse in Bezug auf Prostitution im Allgemeinen und der sozialen/gesellschaftlichen Situation von Prostituierten im Mittelalter im Speziellen werden die SchülerInnen kaum mitbringen, doch werden die meisten zumindest eine Vorstellung von zeitgenössischer Prostitution haben, die vermutlich zum Teil mit der Realität übereinstimmen, zum Teil aber auch mehr oder weniger weit von der realen Situation dieser Frauen abweichen werden. Die Lehrerin arbeitet im nachfolgenden Unterrichtsentwurf bewusst mit diesen vermuteten Voreinstellungen oder auch Vorurteilen, da anzunehmen ist, dass die SchülerInnen ihre Vorstellungen zum Teil auf das Mittelalter projizieren werden.

Die SchülerInnen sind zu diesem Zeitpunkt mit dem Mittelalter, genauer mit dem Spätmittelalter insoweit vertraut (oder sollten es sein), als in vorangegangenen Unterrichtseinheiten

  1. Politische Situation Europas in Umrissen (Türkenexpansion, Hussitenkriege, Hundertjähriger Krieg) = Ereignisgeschichte
  2. Humanismus = Geistes- und Kulturgeschichte
  3. Bevölkerungs- und Wirtschaftsentwicklung (Stadtentwicklung, Handwerk, Hanse und Landwirtschaft) im Überblick, nicht im Detail = Wirtschaftsgeschichte

  4.  

     

behandelt wurde.

Die folgenden drei Unterrichtseinheiten bilden nun innerhalb des Geschichtsunterrichts einen Beitrag zur Sozialgeschichte, wobei aus den zahlreichen Randgruppen jene der Prostituierten exemplarisch herausgegriffen wird.

Ferner werden die SchülerInnen Gelegenheit haben, mit historischen Quellen zu arbeiten.

Für dieses Thema habe ich drei Unterrichtsstunden reserviert, wobei der Schwerpunkt in der ersten Unterrichtseinheit zunächst auf Quellenarbeit im Plenum und Informationsinput liegt. In der zweiten Unterrichtseinheit dient eine schriftliche Quelle als Ausgangspunkt für eine Gruppenarbeit mit anschließender Präsentation. Schwerpunkt der dritten Unterrichtseinheit ist nach einer Zusammenfassung der historischen Situation die gegenwärtige Situation von Prostituierten.

1.Unterrichtseinheit

Der Unterrichtseinstieg (nicht informierend!) erfolgt über ein Bild, das den Schülern auf Folie (Anhang 1) gezeigt wird.

Entstehungszeit und –ort des Bildes werden bekannt gegeben. Die Schüler sind aufgefordert, das Bild zunächst zu beschreiben und sollen dann frei assoziieren, was auf dem Bild dargestellt sein könnte. Interpretationen werden zur Kenntnis genommen, jedoch nicht näher erläutert. Die Lehrerin notiert die Ergebnisse mit und bittet die Schüler, das Gesehene im Gedächtnis zu behalten.

(5 min)

Das Bild wird durch eine Karte ersetzt (Anhang 2), auf der die Standorte mittelalterlicher Frauenhäuser im deutschsprachigen Raum eingezeichnet sind, womit nun das Thema Prostitution eingeleitet ist. Es folgt eine kurze Erklärung, was Frauenhäuser waren, da diese Bezeichnung heute eine andere, dem Mittelalter entgegengesetzte Bedeutung trägt. Des weiteren wird geklärt, wer darin arbeitete und wer für die Frauenhäuser verantwortlich war. SS schreiben stichwortartig mit. (5-10 min)

Im L/S Gespräch wird in weiterer Folge ermittelt, wer ins Frauenhaus ging bzw. gehen durfte und wer nicht. Eine Folie (Anhang 3), auf der Berufsbezeichnungen von Frauenhausbesuchern zu lesen sind, rundet diesen Unterpunkt ab. SS schreiben mit. (5 min)

Der Blick wird anschließend mittels Bekleidungsrvorschriften wieder auf die Prostituierten gelenkt. Den SchülerInnen wird ein Handout (Anhang 4) ausgeteilt, auf dem Bekleidungsvorschriften zu sehen sind. Gemeinsam wird anhand dieser Liste erarbeitet, was Prostituierte tragen mussten, was sie nicht tragen durften und welchen Zweck eine Kleiderverordnung hatte. (5-10 min)

Im Anschluss daran zeigt die Lehrerin/ der Lehrer erneut das Bild, das nun gemeinsam mit Hilfe der bis dahin erfolgten Informationen interpretiert wird. Die Schüler sollen auf diese Weise einen Eindruck davon bekommen, woher Geschichtsdarstellung und Geschichtsschreibung ihre Informationen bezieht. (5 min)

Die verbleibende Zeit nutzt die Lehrerin dazu, das bisher Erarbeitete um einige wichtige Informationen rund um das Frauenhaus zu ergänzen: Rechte und Pflichten der FrauenhauswirtInnen (Nahrung und Bekleidung bereitstellen, Schutz vor Übergriffen von Gästen z.B.) und der Prostituierten (Klagerecht gegen den Wirt bei Übergriffen, Bezahlung der vereinbarte Kosten für Kleidung und Essen z.B.), Einschränkungen für Prostituierte im öffentlichen Leben, sowie ihre Stellung in der Gesellschaft. Die Schüler schreiben mit. (10 min)

2.Unterrichtseinheit

Den SchülerInnen (SS) wird ein Text aus den Nördlinger Gerichtsakten ausgeteilt. (Anhang 5) Gemeinsam wird der Text gelesen, eventuelle Unklarheiten werden beseitigt. (10 min)

Der Text bildet die Grundlage für nachfolgende Aufgabe.

Die Schüler sollen dann mit Hilfe der ihnen ausgehändigten Quellen in Gruppenarbeit zu 4 oder 5 Personen (je nach Klassengröße) versuchen, sich das Leben einer spätmittelalterlichen Prostituierten vorzustellen, wobei die Gruppen arbeitsteilig jeweils einen Aspekt aus dem Leben der Anna von Ulm bearbeiten sollen. Die SS sollen sich dabei vorstellen, Anna von Ulm bzw das Wirtsehepaar säße ihnen gegenüber und stellte sich einem Interview zur Verfügung. Die Wahl der Fragen obliegt den SS (jedes Gruppenmitglied sollte aber mindestens eine Frage formulieren), ebenso die Ausführung der Antworten, bei denen sie Bekanntes einfließen lassen und desweiteren ihrer Fantasie freien Lauf lassen sollen. Die im Arbeitsauftrag angeführten Fragen, sollen dabei als Leitfaden dienen.

Jede Gruppe wählt zwei SprecherInnen (InterviewerIn/ Anna; Int./ WirtIn;), eine/n SchriftführerIn und eine/n ZeitnehmerIn (weist immer auf die verbleibende Arbeitszeitzeit), der/die auch vor der Präsentation des Interviews einleitende Wort sprechen und das Thema der Gruppe vorstellen soll (diese Funktion gibt es nur bei Gruppen zu fünf SS!), sowie eine Person, die das Gruppenergebnis in der Folgestunde nochmals zusammenfasst. (Auf diese Weise kommt jedem Gruppenmitglied eine Funktion zu.)

Themenstellungen der Gruppen:

  1. Ihr fragt Anna nach ihren Kindheitserinnerungen und ihrer Herkunft. Wie könnte Annas Kindheit (bis 14) ausgesehen haben? Wer und wo waren ihre Eltern?
  2. Eure Aufgabe ist herauszufinden, wie und warum Anna von Ulm ins Nördlinger Frauenhaus gekommen ist. Wie ist die Vorgeschichte (14.-20. Lebensjahr!!!) von Anna, wie hat sie diese Zeit verbracht, wo lebte sie, wie kam sie überhaupt zur Prostitution.
  3. Eure Aufgabe ist herauszufinden, ob es stimmt, dass der Wirt und die Wirtin die Mädchen so behandelten und wenn es stimmt, wie rechtfertigen sie dann ihr Verhalten? Denkt daran, dass ihr die beiden öffentlich interviewt, dass ihr zwar wisst, dass die Aussagen Annas der Wahrheit entsprechen, dass aber das Wirtspaar seinen Ruf und seine Situation verteidigen muss. (Diese Aufgabe ist schwieriger als die anderen und daher den ‚Spezialisten‘ in der Klasse vorbehalten)
  4. Eure Aufgabe ist, von Anna herauszufinden, was mit ihr und den Wirtsleuten unmittelbar nach dieser gerichtlichen Anhörung geschehen ist. Wie ist es mit ihnen weitergegangen, haben sich ihre Wege getrennt, hat der Rat eingegriffen?
  5. Anna hat ein Kind. Ihr wisst das, fragt sie danach. Wo lebt es etc. Fragt Anna außerdem, was sie macht, wenn sie krank ist. Wer sorgt dann für sie?
  6. Wie stellt sich Anna ihre Zukunft vor? Welche Möglichkeiten wird sie haben?

  7.  

     

Für diese Gruppenarbeit ist eine Arbeitsdauer von exakt 15 min vorgesehen. Anschließend werden die Ergebnisse präsentiert. Jeder Gruppe stehen maximal drei Minuten Sprechzeit zur Verfügung.

Die Lehrerin notiert sich wichtige Punkte stichwortartig mit.
 
 

3. Unterrichtseinheit

Schwerpunkt der dritten und letzten Unterrichtseinheit zu diesem Thema ist einerseits das Zurechtrücken des Bildes, das SS von einer mittelalterlichen Prostituierten gezeichnet haben (falls es nötig ist) und andererseits der Vergleich mit gegenwärtiger Situation von Prostituierten. Die in der vorangegangenen Stunde gewählten Sprecher fassen die Gruppenergebnisse nochmals kurz zusammen. Hier geht es weniger um die Richtigkeit der Antworten, als um die Assoziationen, die die SchülerInnen mitbringen. Manche Antworten werden dem letzten Forschungsstand nahe kommen, andere werden zu berichtigen sein. (Ich denke ,dass gerade in diesem Bereich ‚Trial and Error‘ hinsichtlich eines Lernererfolgs zielführend ist) Die Lehrerin bestätigt oder korrigiert die Ergebnisse, sodass am Ende ein fiktiver Lebenslauf der Anna von Ulm das Ergebnis ist, ein Lebenslauf, der sich so ereignet haben könnte. 20 min

Die Lehrerin fasst anschließend die wichtigsten Punkte nochmals zusammen (Armut, Mobilität, Gefahren, Perspektiven, Einschränkungen, Kennzeichnungspflicht), die SS schreiben mit. 10 min

Danach wird der Blick auf die Gegenwart gerichtet, die im L/S Gespräch erarbeitet wird. Dabei wird sich herausstellen, dass es hinsichtlich der Situation von Prostituierten Veränderungen (rechtl. Stellung z.B.) gab, aber dass es auch Kontinuitäten (Arbeistorte, z.B.) gibt. (15 min)

Mit diesem Blick auf die Gegenwart wird das Thema abgerundet.

Lernziele:
 

SS sollen lernen, mit historischen Quellen zu arbeiten
SS sollen lernen, dass Geschichtsdarstellung auf Quellenarbeit und deren Interpretation beruht
SS sollen erkennen, dass es in der Geschichte Kontinuitäten bis in die Gegenwart gibt, dass Teilstrukturen des Mittelalters mit gegenwärtigen vergleichbar sind, aber dass es auch Brüche gibt
SS sollen am Beispiel Spätmittelalter Problembewusstsein und Akzeptanz gegenüber ihnen fremden Lebenswelten entwickeln
SS sollen vor dem Hintergrund des Spätmittelalters den Blick für die Gegenwart schärfen
SS sollen am Beispiel Prostitution lernen, wie das Leben von Randgruppen im Spätmittelalter ausgesehen haben könnte (nach letztem Forschungsstand)

Anhang 5

Aus Peter Schuster: Das Frauenhaus

Aussage der Anna von Ulm vor dem Nördlinger Rat 1482:

Anna von Ulm sagt..., sie sey dem frowenwirt schuldig 23 Gulden und sagt deß ersten: der wirt, auch die wirtin, die halten sie und die andern frawen vast hart, sie..zwingen sie, daß sie ihnen müssen geld zu unziemlichen zeiten verdienen. Nemlich an den hailigen Sanstagen nächten, so sie die wirdigen mutter Gottes ehren und solche werck vermyden sollten,...so zwing sie der wirtt, auch die wirttin, das sie die mann zu ihnen lassen müssen, auch wenn sie das nit tun wollen, so werden sie übel gehandelt. Desgleichen, so sie ire frawlichen kranckheit [=Menstruation] haben, ...daz sei aber in andern Husern nit. Zu denselben zeyten werden sie auch mit speys und tranck nit gehalten, als inen zugehöre...So geb man inen elledlich und übel zu essen....

Sie sagt auch, wenn inen der wirtt ettwas zu kauffen geb, es say gewand oder anders, das einen halben Gulden oder einen Gulden wertt sey, so geb er ihnen das umb zwei, drey oder vier Gulden. Sie sagt auch, sie müssen der wirttin spinnen; nemlich ihr jede des tages zwo große spinneln...Und welche das nit tue, die muß ir vier pfennig dar für geben. Auch so hab ihnen der wirtt den kirchgang genommen, das sie sey pfingsten in kain kirchen nit komen sein......auch so schlacht [=schlägt] er sie mit ain farren zagel [=Ochsenziemer]

Mer sagt sie, wenn ain gut gesell ihr aine mehr denn zwe pfennig geb, eß sey drey, vier funff, sechs, acht zehen oder zwelff...so müssen sie das gelt alles einstossen [=abliefern]...So seyen sie arme diernen und können nitz erbringen und wächst also schuld uff ir yede, daß sie selbst nit wissen wie und können nitz abbezalen....

Nun gang sie ellendlich und schier bloß und hab nit mer denn ain röcklein. Sie hab auch kain underhemd an, so woll ir die wirttin kains geben, weder durch gut noch umb golt, deßhalb sie sich schwer kann bedecken, mug auch nit fur [=unter] erber [=ehrbare] lut gon.