Fachbereich Praktische Theologie - Liturgiewissenschaft & Sakramententheologie

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Gottesdienst mit Gehörlosen
Studienausgabe

 

Erarbeitet von der Internationalen Arbeitsgemeinschaft der Liturgischen Kommissionen im deutschen Sprachgebiet in Zusammenarbeit mit der Arbeitsstelle Behindertenseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz

Pastorale Hinweise

Behinderung bedeutet für viele Betroffene oft zugleich schmerzlichen Ausschluß aus dem Zusammenleben der Menschen. Diese Isolation zu durchbrechen gehört nach einem Wort der Deutschen Bischofskonferenz von 1976 zu den "ureigensten Aufgaben" der christlichen Gemeinde. Ziel ist dabei die möglichst volle Integration der Behinderten in das Leben der Gemeinde. Denn auch "der Behinderte braucht wie jeder Christ zur Vermittlung des Heils die Gemeinschaft der Kirche".

Doch nicht in allen Fällen von Behinderung ist das Ziel voller Integration erreichbar. Darum kennt die Kirche viele Formen von Sonderseelsorge an Behinderten, darunter auch Sondergottesdienste.

In der Sonderseelsorge an Gehörlosen (Taubstummen) sind solche Sondergottesdienste besonders nötig. Denn neben Schwerhörigen und jenen Gehörlosen, die erst nach Spracherwerb das Gehör verloren haben. gibt es Taubstumme, die von Geburt an kein Gehör haben oder dieses schon vor Spracherwerb verloren haben: sie haben keine Muttersprache. Sie erlernen Deutsch als totale Fremdsprache in der Gehörlosenschule. Sie gelangen nie zum Vollbesitz der Sprache. Sie können zwar deutsch Geschriebenes lesen, aber verstehen können sie es nur. wenn der Text nach Wort- und Formenbestand dem entspricht. was sie in der Gehörlosenschule gelernt haben. Da geschriebene Wörter den ihnen zukommenden Inhalt nicht selbst mitliefern, ist die Erlernung von neuen Begriffen und Wörtern nur nach erfolgter direkter Belehrung durch Fachleute (Gehörlosenlehrer und -seelsorger) möglich. Das Sprachvermögen ist bei jedem Gehörlosen verschieden. Dazu kommen regionale Unterschiede in Sprache und Gebärde. Optische Eindrücke (etwa auch Bilder) bedürfen immer sprachlicher Erläuterung, ersetzen niemals die Sprache.

Erfahrungsgemäß erreicht bei solchen Gehörlosen der Sprachbesitz nach Wort- und Formenbestand am Ende der Schulzeit in der Regel den Höchststand. Da dem Gehörlosen nach der Schulzeit meist die Gelegenheit zum häufigen und regelmäßigen Sprachumsatz fehlt, geht im Laufe der Zeit das Sprach- und auch Sprechvermögen wieder zurück.

Die vorliegenden Texte sind nach den oben erwähnten Kriterien erarbeitet. So bieten sie Gewähr, im Allgemeinen von den Gehörlosen verstanden werden zu können. Sie müssen allerdings langsam und deutlich gesprochen werden, wobei das Mundbild dem Gehörlosen zugewandt sein muß.

Darüber hinaus kommt bei Gottesdiensten mit Gehörlosen dem sinnerschließenden Vollzug der Zeichen und Handlungen besondere Bedeutung zu.

Soll Gehörlosen ein Sakrament gespendet oder für sie ein Sondergottesdienst gefeiert werden, soll man stets bemüht sein, den zuständigen Gehörlosenseelsorger für die liturgische Handlung und deren Vorbereitung zu gewinnen. Er allein ist in der Lage, die einfache Sprache des Wortes mit der der Gebärde zu verbinden, um so auch die gehörlosen Gläubigen anzusprechen. die nicht (mehr) auf den Mund des Liturgen schauen können. Auf seine Anwesenheit kann vor allem dann nicht verzichtet werden, wenn volles Verstehen zur Gültigkeit notwendig ist (z. B. bei der Trauung), weil nur er dieses und damit auch die richtige Antwort und den Konsens garantieren kann. Wenn ein Gehörlosenseelsorger die Feier nicht übernehmen kann, und selbstverständlich im Notfall, kann sie auch ein anderer Priester anhand der vorliegenden Texte vollziehen. Die Dringlichkeit des Vollzugs durch einen Gehörlosenseelsorger ist bei den einzelnen Feiern verschieden; man vergleiche dazu die entsprechenden Hinweise bei den einzelnen Riten.

Mit Rücksicht auf die Situation der Gehörlosen sollte Gesang bei einem Gottesdienst mit einer aus gehörlosen und hörenden Gläubigen bestehenden Gemeinde nur dann Verwendung finden, wenn jemand die Texte der Lieder synchron mit Wort und Gebärde verdolmetscht. Andernfalls kann die Feierlichkeit für die hörenden Gläubigen durch Musik erhöht werden.

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Design: Alexandra Kunstmann, bearbeitet: Barbara Scheibner (2015)
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Monday, 19-Jan-2015 11:07:51 CET