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Der Ansatz der Verkündigung in Bach's Johannespassion

Hat man sich mit der Musik Bach's länger auseinandergesetzt, ist es auch für die Johannespassion unabkömmlich, davon auszugehen, daß die Musik vom Autor im Wesentlichen als Verkündigungakt verstanden wird. Neben liturgischen Anliegen treten auch katechetische und dogmatische Ansätze zutage. Dies wird teilweise recht deutlich, sehr oft aber - und wer Bach's Musik studiert hat, wird dies bestätigen - auch in "versteckter" Weise, sozusagen dem Kenner und Lernbegierigen zwischen den Zeilen vermittelt.26

Auch Stiller unterstreicht das beispielsweise für die Kantaten, wenn er hinweist, daß die Texte allein nicht beurteilt werden dürfen, sondern die Musik gehört und in ihrer Verkündigung ernst genommen werden muß, ja, daß Bach's Kantatenmusik eine streng an die sonn- und festtägliche Liturgie gebundene Verkündigung schlechthin ist. Die Vorliebe für reines Bibelwort, und darunter ganz besonders für den Psalter, zeugen von Bach's profunder Kenntnis auch der theologischen Materie; ebenso die große Anzahl vom Bibelerklärungen und Predigtsammlungen zum Alten und Neuen Testament in seiner Bibliothek.27

Mit der Johannespassion will sich Bach deutlich der Gattung der "Historia" in der Passion zuwenden und bleibt damit liturgischen Funktionen verpflichtet, während die Matthäus-Passion - allein schon durch die wesentliche Übernahme eines fertigen Librettos (Picander) eher dem Passionsoratorium entspricht und zudem noch ganz andere Tendenzen damit verbunden sind; dies ist aber nicht Gegenstand dieser Abhandlung.28

Schon das Exordium der Johannespassion exemplifiziert die Verbindung des Lehrhaften ("Zeig uns durch deine Passion...": vermutlich von Bach selbst getextet) mit johanneischer Theologie vom Königtum Christi ("Herr, unser Herrscher.. "); überdies folgt Bach mit dieser Textwahl der damals in Kursachsen üblichen Eröffnungsformel über das Kollektengebet, die nach dem Dresdener Gesangsbuch von 1725 als Zitat des Psalmes 8 lautete: "Herr, unser Herrscher, dessen Name herrlich ist in allen Landen". Auch der Schlußchoral bietet dem Grabeschor gegenüber den eschatologischen Ausblick, der an die lehrhafte Eröffnungsmusik anschließt.29

Neben der zur Verfügung stehenden Luther'schen Bibelübersetzung kompiliert Bach mehrere Textautoren (Christian Weise, Christian Heinrich Postel, Barthold Heinrich Brockes) für seine "ausdeutenden" Gesänge, die Ariosi und die Arien. Gerade am Beispiel der Abänderungen der Brockes-Texte fällt eine ent-dramatisierende Tendenz auf30, ja eine deutliche Richtung, die gottesdienstliche Funktion der Johannespassion zu unterstreichen. Es scheint, als ob Bach dem durch eine Unterstreichung des Motivs der Dankbarkeit Rechnung tragen möchte. So gesehen enthält auch der Schlußchoral in der Transzendierung der Klage und der Dankbarkeit zum himmlischen Lobpreis liturgische Bedeutung.31

26. Das Titelblatt des "Orgelbüchleins" macht diesen Willen auch deutlich. "Dem höchsten Gott allein zu Ehren / dem Nächsten draus sich zu belehren".
27. Stiller, a. a. O., 201, 204.
28. Christoph Wolff, Die musikalischen Formen der Johannes-Passion, in: Johannespassion, Schriftenreihe der internat. Bachakademie Stuttgart, Hg. Ulrich Prinz, Band 5, Stuttgart - Kassel 1993, 128 - 141; für hier: 131.
29. Wolff, a. a. O., 132.
30. Elke Axmacher, "Aus Liebe will mein Heyland sterben". Untersuchungen zum Wandel des Passionsverständnisses im frühen 18. Jahrhundert (= Beiträge zur theologischen Bachforschung, Bd. 2), Neuhausen-Stuttgart 1984, 152, 155.
31. Petzold, a. a. O., 54.

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