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Figurensymbolik und Symbole der musikalischen Faktur

Dazu gehört natürlich das große Gebiet der musikalischen Rhethorik, auf das einzugehen hier der Rahmen gesprengt würde. Wohl aber seien stellvertretend einige, auch für den Laien leicht nachvollziehbare Beobachtungen mitgeteilt.
In Arie Nr. 9 ist die Rede von "Ich folge dir gleichfalls... ": deutend führt Bach canonische Wendungen zwischen den unisonen Flöten und der Sopranstimme ein. Das musikalische "Nachfolgen" der Stimmen als Sinnbild der Nachfolge Christi, und zwar von zwei unisonen Flöten - stellvertretend für zwei (!) Jesus folgende Jünger (Petrus aber folgete Jesum nach und ein andrer Jünger... !).
Sinnbild auch die beiden einander ständig kreuzenden und "sich windenden" Oboen in Arie 7, "Von den Stricken.. ", als ob sie mit dem Fagott zu einem Strick geflochten werden wollten. Zahlreich verteilt auf die ganze Passion findet man das sogenannte "Kreuzmotiv", stellvertretend sei hier dafür wiedergegeben, Recitiativ Nr. 27, Takt 1: "allda kreuzigten .. "

(Graphik 3)

Die Tonfolge b - a - c - h ist ein hinlänglich bekanntes Zitat, das u. a. auch als versteckte Visitenkarte Bachs gelten darf. Wenn im Schlußchoral von Takt 24 auf 25 in der Baßführung genau in umgekehrter Reihenfolge h - c - a - b zitiert ist, und darüber genau die Textstelle "Erhöre mich" erklingt, so ist das Bitte und Bekenntnis des sich umkehren wollenden Komponisten.

(Graphik4)

So mag abschließend eine Auslegung des Einleitungschores "Herr unser Herrscher" versucht werden:

Dem kann man nüchtern voranstellen, daß er aus insgesamt 153 Takten besteht. 153, das ist eine Zahl die die Bibel auch beim reichen Fischfang nennt. 153 ist eine symbolische Zahl, sie ist die zur Basis gehörige Dreieckszahl der Siebzehn (Summe aller Zahlen von Eins bis Siebzehn), sie bezieht sich (Fischfang: Jo, 21,11) auf die "Erlösten des Herrn", die Seligen, und versteht sich aus dem Charakter der Siebzehn. Die Siebzehn ist einerseits Summe von 10 und 7, als auch Summe von 12 und 5. Wenn das Kernstück des Alten Testamentes aus 17 Büchern besteht - aus 5 Büchern Mose und 12 Büchern der Propheten -, so darf hierin ein Bauplan vermutet werden, der Unoffenbartes offenbar machen soll. In eine solche Ordnung gehört auch, daß Moses im 34. Kapitel des 5. Buches stirbt: 34 = 2 x 17, und fünf ist das Symbol der Vergänglichkeit des Menschen. Zudem ist 34 die Reihenkonstante des aus der Wurzelzahl 4 gebildeten magischen Quadrates, des Jupiterquadrates. - Die legendären ersten drei bewußten Anbeter Jesu, Caspar, Melchior und Balthasar, ergeben mit ihren Anfangsbuchstaben zahlenalphabetisch ( 3+12+2) die Zahl 17. Wenn diese drei Buchstaben als "Christus mansionem benedicat", als Segensspruch über Tisch oder Haus gedeutet werden, ist auch hier der ursprüngliche Sinn bestätigt. In der Reihe der Primzahlen bildet die Siebzehn die siebente Stelle, wie die Sieben wiederum das Zentrum bildet: 1 - 3 - 5 - 7 - 11 - 13 - 17, während in der Gesamtreihe aller Zahlen die 9 (= potenzierte Trinität!) das Zentrum bildet.47

Der drei-geteilte (A - B - A) Einleitungschor ergibt im B-Teil genau 37 Takte: also genau über jenem Text, der (vermutlich von Bach selbst) neu hinzugetextet zum Psalmzitat nun christologischen Charakter verleiht: "Zeig uns durch deine Passion... ": nicht verwunderlich, 37 ist - wie schon an anderer Stelle gezeigt - eine Christuszahl, das Monogramm P (Rho) und X (Chi)!
Mit seinem musikalischen Inhalt kommt dem Einleitungschor auch trinitarische Funktion zu: die durchgehende Sechszehntelbewegung symbolisiert das Pneuma des Heiligen Geistes, der ruhende Orgelpunkt ist Gott-Vater, und die stimmenkreuzenden Oboen, klagend, in Sekundreibungen gleichsam eine Passion durchmachend, stehen für die zweite göttliche Person, den leidenden Christus.48
Schließlich ist die Dacapo-Form in diesem speziellen Fall auch von einer theologischen Aussage behaftet: "Der Gottessohn, der als Schöpfer und Herrschergott.. herrlich ist, steigt hinab in die Niedrigkeit, um dort verherrlicht zu werden.... aus der Niedrigkeit kehrt der Gottessohn zurück in die Herrschaft des Weltenherren". Der B-Teil strotzt auch von anderen musikalischen Symbolen: der Oktavsprung ("Zeig - uns: durch deine Passion") versinnbildlicht das Durchmessen der Zeit, geht auf den Text "zu aller(!) Zeit... " ein, die Ganzheit der Zeit. Sinndeutend auch das Absteigen der Linien in die "größte Niedrigkeit". Noch ein Detail am Rande: die Entsprechung der musikalischen Bewegung "Herrscher" gegenüber in Satz 30 (Arie "Es ist vollbracht"), Mittelteil Bewegung "Kampf" ist wohl kaum zu überhören.

(Graphik 5)

Der trinitarische Charakter durch die Dacapo-Form ist auch im Schlußchor, Satz 39 "Ruht wohl, ihr heiligen Gebeine" gegeben. Er ist als Rondo gebaut und zeigt die Form A - B - A - B'- A, im Dreivierteltakt. Mit fünf Teilen weist er auf die Zahl des Menschen hin: der menschliche Jesus wird zu Grabe getragen, und das in c-Moll, der schier aussichtslosen Passions- und Todestonart, mit drei (!) Vorzeichen. Aber mehr noch: der trinitarische Charakter wird auch gezeigt, indem sich genau 9 Mal das Motiv der Einleitungstakte in c-Moll wiederholt, indem das Stück insgesamt 171 Takte hat: wobei allein schon die Ziffernsumme diese Zahl wiederum 9 ergibt (also potenzierte Trinität), und schließlich durch drei dividiert sich 57 ergibt, eine Zahl die der Bachforscher als die Ziffernsumme für "Domine" (4+14+12+9+13+5) kennt.

Bach's Johannespassion: in sich eine Predigt in Tönen, deren liturgische Bestimmung eindeutig ist - möge sie von Musikern und Theologen, von Hörern und Ausführenden, von Liturgen und Kirchenmusikern, auch von "Publikum" und "Konzertmanagern" immer wieder auf ihren Sitz im Leben hinterfragt werden.

47. Diese Exegese der Zahl 153 und 17 findet sich wörtlich in: Harry Hahn, Symbol und Glaube.., a. a. O.,36f.
48. Die plausible trinitarische Deutung stammt von Meinrad Walter, ms. Dipl. Arbeit, erwähnt bei Dürr, Der Passionsbericht..., a. a. O., 173.
49. Axmacher, a. a. O., 163.
50. Am 5. 4. 1998 habe ich in einer Aufführung mit Originalinstrumenten den gewagten Versuch unternommen eine Predigt zu halten, und die Choräle vom anwesenden Publikum (für Interessenten wurden Noten zugesandt) mitsegnen zu lassen. Von Musikern und Publikum wurde dies als besonderes, gleichsam liturgisches Erlebnis wahrgenommen.

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