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Die Karfreitagsvesper in den Leipziger Hauptkirchen

Lange Zeit wurde am Karfreitag der Vepergottesdienst "allein in der Kirche zu S. Thomas"15 abgehalten. Seit 1723 war allerdings auch in St. Nicolai ein regelmäßiger Vespergottesdienst, der durch eine Stiftung der Juwelierswitwe Koppy ermöglicht wurde. (Diesen ersten hielt der Superintendent Salomon Deyling selbst.) 1721 war in St. Thomas dabei eine in Musik gesetzte Passion zu hören, und zwar die Markuspassion des Bach-Vorgängers Johann Kuhnau, welche auch 1722 und 1723 wiederholt wurde. 1724 beanspruchte der Rat der Stadt Leipzig eine figurale Passion für St. Nicolai und von da an im Wechsel der beiden Hauptkirchen. Küster Rost erwähnt extra, daß 1736 diese Passionsmusik "mit beydn orgeln" gehalten wurde.16 Für die Neukirche gibt es bereits 1717 ein Zeugnis einer in der Liturgie musizierten Figuralen Passion17.

Bevor auf die Agende der Karfreitagsvesper eingegangen wird, soll noch kurz festgehalten sein, daß es in anderen Städten durchaus zu außerliturgischen Aufführungen von Passionsmusiken kam, sogenannten Passionsoratorien. Dem diente beispielsweise die Textvorlage "Der Blutige und Sterbende Jesus" von Christian Friedrich Hunold (1681 - 1721)18, oder das öfter aufgegriffene Libretto "Der Für die Sünde der Welt Gemarterte und Sterbende Jesus" des Hamburger Ratsherrn Barthold Heinrich Brockes. Schließlich hat auch sogar Christian Friedrich Henrici (Picander) "Erbauliche Gedanken Auf den Grünen Donnerstag und Charfreitag Uber den Leidenden Jesum, Im einem Oratorio entworffen von Picandern. 1725" eine solche Vorlage geschaffen.19

In Leipzig ist von solchen außerliturgischen Aufführungen vor und zur Zeit Bachs nichts bekannt. In Hamburg kannte man den Wechsel von Johannes-, Lukas- und Johannespassion u. a. am Palmsonntag, am Karfreitag die ständig wiederkehrende Matthäuspassion in den Vertonungen durch Telemann, auch davon ist in Leipzig nichts bekannt.20

Die Karfreitagsvesper wurde - verglichen mit dem üblichen Sonntagsvespergottesdienst - um wesentliche Elemente gekürzt. So weiß man folgendes Schema für die Thomaskirche in Leipzig vor dem Jahre 1721:21
Geläut - Motetten - Lied "Da Jesus an dem Kreuze stund" - Antritt der Predigt - Lied "Herr Jesu Christ, dich zu uns wend" - Verlesung der "Historia vom Leiden Christi Grablegung" von Johannes Bugenhagen - Predigt - Kanzelsegen - Motette "Ecce quomodo moritur justus" - Lied "O Traurigkeit, o Herzeleid" - Collectengebet - Segen - Nun danket alle Gott.

Das bedeutet, daß Psalm, Vaterunser und Betstundengebet vor der Predigt und Gebet sowie Magnificat nach der Predigt wegfielen. Das Manuale der Nicolaikirche bezeugt von nicht mehr bestimmbaren Zeiten an die Predigt über das Begräbnis Christi. Auch die Leipziger Kirchen-Andachten von 1694 erwähnen für die Thomaskirche die Predigt über diesen Teil des Passionsgeschehens. Die Historia von Bugenhagen war eine sogenannte Passionsharmonie, deren Textauswahl aus allen vier Evangelisten einen Bericht zusammenstellte. Der gelesene Abschnitt war beschränkt auf die Schilderung der Kreuzabnahme bis zu den Frauen am Grabe und dem Versiegeln desselben.

Für 1721 überliefert der Küster Rost den bemerkenswerten Eintrag "Ao. 1721 ward am Charfreytag in der vesper die Passion zum 1st mahl Musicirt, np. 1. viertel auf 2. wurde gelautet mit dem gantz gelaute, als ausgelautet wurde auf dem Chor; das Lied gesung. da Jesus an dem Creutze stund p. dann ging gleich die musicirt Passion an, und ward vor der Predigt halb gesungen, die Helfte schloß sich mit dem verß, o. Lamb gottes unschuldig, damit ging der Priester auf die Cantzel. auf d. Cantzel ward a. H. Jesu Christ dich zu uns wend gesungen. Nach der Predigt dann ging die andre Helffte der Music an, als solche aus, ward die Motete Ecce quomodo moritur justus p. gesungen, als dann der passions vers intoniret und Collect gesprochen. als dann Nun dancket alle Gott gesungen. It.:1723 eben also [was ein Schreibfehler sein muß, und 1722(!) meint].
Anno 1723 ward zum ersten Mahl die Vesper zu St. Nicolai gehalten, die Predigt hielt H. Superindenent H. D. Deyling, welche Fr. Koppin gestiftet.
Anno 1724 wurd die Passion zu St. Nic. zum ersten mahl Musiciret p. Zu St. Thom. aber wurden nur Lieder gesungen, wie vor diesem gebräuchlich.23

Als Musik dieser drei nachgewiesenen "musizierten" Passionen gilt die Markus-Passion von Johann Kuhnau als gesichert.24

Am Karfreitag 1724, dem 7. April, hat Johann Sebastian Bach seine Johannes-Passion ("Fassung I") erstmals in der Liturgie vorgestellt, welche dann zu St. Nicolai abgehalten wurde. Da es sich dabei um das erste Großwerk nach dem Magnificat, das in der Weihnachtsvesper 1723 erklungen war, handelte , darf man annehmen, daß sich Bach damit der Gemeinde in besonderer Weise präsentieren wollte: vielleicht darf man mit der Wahl des Johannestextes gemäß der lutherischen Ordnung ein Demonstrieren besonderer liturgischer Treue annehmen; ganz sicher auch das Hörbarmachen seines Könnens und seines Willens zur Verkündigung.25

15. Leipziger Kirchen-Staat.., 26.
16. Alles in Handschrift Rost, 24.
17. Martin Petzold, Bachs Passion als Musik im Gottesdienst, in: Johannespassion, Schriftenreihe der internat. Bachakademie Stuttgart, Hg. Ulrich Prinz, Band 5, Stuttgart - Kassel 1993, 52.
18. Die wohl bekannteste Vertonung stammt von Reinhard Kaiser.
19. Ob Bach sich mit dieser Textvorlage (immerhin "seines" Dichters von Kantatenjahrgängen) auseinandergesetzt hat, ist vielfach diskutiert worden, kann aber nicht beantwortet werden. Vgl. Alfred Dürr, Die Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach, Kassel 1988, 145.
20. Vgl. u. a. das Beiheft zur Schallplattenedition von G. Ph. Telemann, Matthäus-Passion (1730) unter Leitung von Kurt Redel, Telefunken, o. J. (ca. 1970).
21. Zusammenstellung bei Petzold, a.a.O., 60.
22. Vollständiges Kirchen-Buch, Leipzig 1718, 340ff.
23. Handschrift Rost, 23 und 24.
24. Petzold, a.a.O., 46.
25. Dürr, a.a.O., 15 - 22, und 141 seien hier als übersichtliche Zusammenstellungen genannt. Ebenfalls sei auf einen Artikel von Dürr hingewiesen: Alfred Dürr, Der Passionsbericht des Johannes in Bachs Deutung - aus der Sicht des Musikwissenschaftlers, in: Johannespassion, Schriftenreihe der internat. Bachakademie Stuttgart, Hg. Ulrich Prinz, Band 5, Stuttgart - Kassel 1993, 166 - 187. Dort u. a. auch die Spekulation, daß vielleicht schon 1723 eine Aufführung einer "Urfassung" der Bach'schen Johannespassion in St. Thomas stattgefunden hat (S. 168).

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