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Der Gottesdienst in Leipzig im 18. Jahrhundert

Als Hauptquellen sind hierfür anzusehen: der im Titel so genannte "Leipziger Kirchenstaat" aus dem Jahre 1710, erhalten in der Universitätsbibliothek Halle2, sowie die "Leipziger Kirchenandachten" aus dem Jahre 1694 im Stadtgeschichtlichen Museum in Leipzig3, die beide ein recht anschauliches Bild vom gottesdienstlichen Leben in den Hauptkirchen St. Thomas und St. Nicolai vermitteln. Dazu fügt sich die "Neo annalium Lipsensium Continuatio II" von Christoph Ernst Sicul aus dem Jahre 1727.4 Ergänzt und untermauert werden die vorangestellte Grundlagen durch die Handschriften des Küsters der Thomaskirche Johann Christoph Rost5: er war studierter Theologe und zwischen 1716 und 1739 (also den größten Teil der Amtszeit von Johann Sebastian Bach als Thomaskantor) Thomasküster. Sein ausführliches Merkbuch über die zahlreichen Andachten und Gottesdienste der Sonn- und Feiertage wurde von seinen Nachfolgern bis in die Zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts weitergeführt und vermittelt den Beweis, daß man die in den Hauptquellen beschriebene detaillierte liturgische Gestaltung der Gottesdienste nahezu unangetastet in die Mitte des 19. Jahrhunderts tradiert hat.
Es mag genügen, hier festzuhalten, daß in Zusammenschau der genannten Berichte, der verschiedenen Gesangbuchausgaben und ihrer Neuauflagen, der Eindruck berechtigt ist, Johann Sebastian Bach tritt mit seinem Amtsantritt als Thomaskantor in eine lebendige Gottesdienstwelt ein, die getragen war von lutherisch-orthodoxer Frömmigkeit, fernab von Erstarrung und Versteinerung, wohl aber im Gegensatz zu der an der Universität Leipzig mit immer größerer Intensität beworbenen Aufklärung.6

In Leipzig begann die Serie der sonntäglichen Gottesdienste um 5 Uhr früh mit dem Mettenläuten in St. Nicolai, worauf 10 bestellte Choralisten - dies waren Studenten, die dafür besondere Stipendien des Rates der Stadt empfingen -, unter Leitung des Nicolaikantors in lateinischer Sprache die Matutin sangen. Um 6 Uhr folgte in St. Johannis die Predigt des "ordentlichen Pastors" über das entsprechende Evangelium, woran sich 14-täglich das "Amt" anschloß. Um 7 Uhr begann in St. Thomas und St. Nicolai die "Frühpredigt", der eigentliche Hauptgottesdienst, der stets mit Abendmahlausteilung gehalten wurde, und "bisweilen wol bis XI Uhr" dauerte. In St. Jacobi und in der sogenannten Neu-Kirche begannen die Gottesdienste auch um 7 Uhr. In St. Petri und St. Georgen war der Hauptgottesdienst um 8 Uhr, in St. Pauli um 9 Uhr.
Um 11.30 Uhr wurde zum Mittagsgottesdienst geläutet, auch als "Mittagspredigt" bezeichnet: er fand nur in einer der beiden Hauptkirchen (St. Thomas und St. Nicolai) statt, wobei man Sonntag für Sonntag zwischen den beiden Gotteshäusern abwechselte, nur an großen Festtagen fand er in jeder der beiden Kirchen statt. Dazu gab es besondere Regelungen für die "zweiten" Feiertage der Hauptfeste. Zur Zeit Bachs dauerte ein Mittaggottesdienst eineinhalb Stunden, wurde also um 13.15 Uhr beschlossen.
Aber auch die Nachmittage aller Sonn- und Festtage boten im gesamten 18. Jahrhundert Gottesdienste und Andachten an. In St. Thomas, St. Nicolai und der Neu-Kirche wurde - wie schon seit der Reformationszeit üblich - schon um 13.15 Uhr zur Vesper-Predigt eingeladen, an die sich - mit Ausnahme an gewissen Festtagen - das "Catechismus-Examen" anschloß. Zur Zeit Bach's soll dieser Gottesdienst in St. Thomas um 14 Uhr begonnen haben und ebenfalls wenigstens bis 16 Uhr gedauert haben. In der Regel wurde dabei über die Epistel des kommenden Sonntages gepredigt. Die vorgegebene Ordnung lautete folgendermaßen:

Geläut - Orgelpräludium - Motette - Lied nach Beschaffenheit der Zeit - Psalm: am Pult gelesen - Vaterunser durch den Pfarrer - Gewöhnliches Betstunden-Gebet - Lied des Sonntags ("mit dem letzten Vers gehet der Priester auf die Cantzel/ ohngefähr um 2 Uhr") - Antritt der Predigt (Kanzelgruß) - Gemeinde: "Herr Jesu Christ, dich zu uns wend", oder ein anderes Lied nach Beschaffenheit der Zeit - Vaterunser, still gebetet - Verlesung der Sonntagsepistel ("um 3 Uhr pfleget der Priester zu schließen") - Gebete wie früh, doch unter Auslassung der Kirchenbeichte - Fürbitten und Danksagungen, wie früh, keine Abkündigungen - Kanzelsegen - Praeambulum auf der Orgel zum Magnificat - Magnificat lateinisch oder deutsch - Versikel (nach geendigten Lobgesang intoniren die Schüler auf den Chor ein Responsorium, so sich auf die Zeit schicket) - Collectengebet - Segen - Nun danket alle Gott.

In St. Petri wurde um 14 Uhr "von der Cantzel ein Kapitel aus heiliger Schrifft erkläret". In St. Johannis war ebenfalls um 14 Uhr ein "erbauliches Catchismus-Examen", und in St. Pauli fand um 15.15 Uhr der Vespergottesdienst statt. Womit man auf eine stattliche Zahl von 14 lutherischen Gottesdiensten in Leipzig an Sonn- und Feiertagen kommt.

Auch an Wochentagen war das Angebot reichlich. Stellvertretend sei beispielsweise ein Donnerstag herausgegriffen: da war um 6. 30 Uhr Frühgottesdienst mit Predigt und Hl. Abendmahl in St. Thomas, um 14 Uhr kleine Betstunde mit Buß-Vermahnung in St. Nicolai , um 14 Uhr Katechismus- und Bibelexamen in St. Petri und schließlich um 15 Uhr Betstunde oder Buß-Vermahnung in St. Johannis.7

Diese Darstellungen vermögen also die Reichhaltigkeit gottesdienstlicher Kultur in der Stadt Leipzig nur anzudeuten. Als Johann Sebastian Bach sich um das Amt eines "Musikdirektors" der Stadt Leipzig bewirbt, tut er dies wohl im Bewußtsein, daß ihm hiermit am Orte die Tradition lutherischer Orthodoxie gewährleistet werden konnte. Dieses Amt beinhaltete neben der Spitze des weitverzweigten Musikwesens der Stadt die Kompetenz des umfangreichen Musikdienstes sowohl an St. Thomas als auch an St. Nicolai, sowie eines Musiklehrers an der Thomasschule. Darüber hinaus hat man zu bedenken, daß es sich dabei um ein hochbedeutsames, weit über die Grenzen Sachsens hinaus begehrenswertes Amt gehandelt hat.8

2. Leipziger Kirchen-Staat / Das ist, Deutlicher Unterrricht vom Gottes-Dienst in Leipzig / wie es bey solchem so wohl an hohen und anderen Festen / als auch an denen Sonntagen ingleichen die gantze Woche über gehalten wird / Nebst darauff eingerichteten Andächtigen Gebeten und denen dazu verordneten Teutsch- und Lateinischen Gesängen. Welchem zuletzt noch mit beygefüget Geistreiche Morgen- und Abend-Segen auf jeden Tag in der Woche (Leipig 1710).
3. Leipziger Kirchen-Andachten: Darinnen der Erste Theil, Das Gebetbuch oder die Ordnung des gantzen öffentlichen Gottes-Dienstes durchs gantze Jahr / Nebst Gebet / Fürbitt, Collecten / Dancksagungen / Abkündigungen.. oder was sonst an Sonn- und Fest-Tagen / Wochen - Predigten und Betstunden... vorkömmt, begreiffet / Der Ander Theil, Das Gesangbuch, In welchem Alle Lieder, nebst einem Anhang der Lateinischen Hymnorum und Collecten etc. so allhier verwendet gebraucht werden.. Mit Chur-Fürstl. Sächs. Privil. (Herausgegeben von Johann Friedrich Leibniz, Leipzig 1693.)
4. Christoph Ernst Sicul, Neo annalium Lipsensium Continuatio II. Oder des mit dem 1715ten Jahre Neuangegangen Leipziger Jahrbuches Dritte Probe (1717). Auch auf Sicul's "Jahres-Geschichte 1721" (Leipzig 1723) sei hingewiesen.
5. Nachricht, Wie es, in der Kirchen zu St. Thom allhier, mit dem Gottesdienst, Jährlichen sowohl an Hohen Feste, als anderen Tagen, pfleget gehalten zu werden, aufgezeichnet von Johann Christoph Rosten, Custode ad D. Thomae, anno 1716 (Archiv Stadtmuseum der Stadt Leipzig).
6. Mit Personen wie Christian Wolff, Johann Christoph Gottsched, Johann Abraham Birnbaum, Lorenz Christoph Mizler, Johann August Ernesti und Christian Fürchtegott Gellert war die Universität Leipzig zur Bach-Zeit ein Mittelpunkt der Aufklärung in Sachsen.
7. Die Zusammenstellung dieser Ordnungen ist sehr gut nachzulesen in: Günther Stiller, Johann Sebastian Bach und das Leipziger gottesdienstliche Leben seiner Zeit. Kassel - Basel 1970.
8. Vgl. Stiller, a.a.O., 178f und dort der Hinweis auf Arnold Schering, Musikgeschichte Leipzigs, Band 2. Leipzig 1926, 43, der schreibt, daß der Ausdruck "Thomaskantor" für Bach unrechtmäßig gebraucht wird. Vielmehr war in Bachs gesamter Leipziger Amtszeit die Nicolaikirche die erste Hauptkirche, weil der Superintendent S. Deyling dort amtierte, und überhaupt Bach's musikalische Aufgaben sich weit über ein Kantorat hinaus erstreckten, was seinen aus eigener Hand angeführten Berufstitel "Director musices" rechtfertigt.

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last modified: Thursday, 03-Nov-2011 08:22:19 CET