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Tonartenplan

Wie schon an anderer Stelle erwähnt, ist für die Vertonung der Johannespassion festzustellen, daß Bach das Festhalten und die Bedeutung des Evangelientextes besonders wichtig ist. Untermauert er damit doch auch sein Naheverhältnis zur lutherischen Orthodoxie im - wie ebenfalls aufgezeigt - auf das Magnificat folgenden ersten Großwerk, das Schulze als "musikalisches Hauptereignis des Jahres" apostrophiert hat.35
Der Johannespassion liegt ein Tonartenplan zugrunde, der vom Bibeltext ausgehend erstellt ist. In c-Moll beginnt der Bericht des Evangelisten, in c-Moll schließt er. Recht gut kann man Wolff folgen, wenn er den tonartlichen Aufriß des Werkes gemäß der o. a. 9 "dramatischen Szenen" zeigt, indem er eine absolut symmetrische Anlage der Tonartensphären, und zwar nach drei modi: be-Tonarten, Kreuz-Tonarten, vorzeichenfreie Tonarten wie die traditionellen Hexachordeinteilungen durum - molle - naturale trifft. Es ergibt sich eine Zuspitzung der kreuztonartlichen Ebene in der (echten) Mitte des Werkes, zwischen Satz 21g und 23, wo mit 4 Kreuzen (E-Dur) das Maximum an entfernter Tonart in Bachs Vokalmusik erreicht ist.36 Das trifft sich übrigens auch (mehr zufällig) mit der schon genannten Erarbeitung eines "Herzstückes" der Johannespassion bei Friedrich Smend, zu dem er aufgrund der symmetrischen Anlage bzw. musikalischer Entsprechung von Turbae-Chören kommt.37

Zentrum dieses Baues, als die eigentliche symetrische Mitte, ist der Choral "Durch dein Gefängnis Gottessohn ist uns die Freiheit kommen". Dieser wiederum ragt aus den Chorälen insofern heraus, als ihm eben keine Strophe eines der Leipziger Kirchenlieder zugrundeliegt, sondern Bach bewußt einen poetischen Text aus der Brockes-Passion dafür auswählt und ihn der Melodie "Machs mit mir Gott nach deiner Güt'" unterlegt. Dieser nun als "Choral" umfunktionierte Text wird von manchen Autoren in gegensätzlichem Licht gesehen:

(Graphik1)

Für Alfred Dürr sind es "Gedanken, die der Theologie des vierten Evangelisten ferner liegen"38 und "die heilsgeschichtliche Notwendigkeit eine nicht auf den Johannesbericht beschränkte Selbstverständlichkeit"39 . Martin Petzold ringt dem Text ein "zentral johanneisches Anmuten" an, stellt richtigerweise Bezüge zu anderen biblischen Stellen her, die da sind Jes 42, 7. 22; Hebr 4, 16; Gal 4, 24, um schließlich eine Erinnerung "nicht nur an johanneische, sondern vor allem an die Theologie des jungen Luther" festzustellen.40 Alfred Dürr geht aber an anderer Stelle noch weiter, wenn er den Inhalt des Chorales jenen Texten zuschreibt, die "für das Passionsverständnis der lutherischen Orthodoxie wesentlich sind", meinend, daß die Erlösung des Christen durch Jesu Opfertod, "während für Johannes die Erlösung des Menschen nicht so entscheidend in der Passion Jesu als vielmehr im Annehmen seiner Botschaft, im Glauben an den eingeborenen Sohn Gottes" liegt.41

Für mich ist mit diesem "Choraltext" wohl auch die Stelle einer Wende markiert: davor will Pilatus Jesus noch freilassen, danach steht die Verurteilung fest. Von nicht geringer Bedeutung ist auch die Wahl der Tonart E-Dur, mit vier Kreuzen nicht nur die "engste" vorkommende Dur-Tonart, und am weitesten vom anfänglichen g-Moll, oder beschließenden c-Moll/Es-Dur entfernte, sondern vielleicht auch symbolisierend die drei Kreuze auf Golgotha mit dem vierten Kreuz als dem des Betrachter.

35. Hans Joachim Schulze, Johann Sebastian Bachs Passionsvertonungen, in: Matthäuspassion, Schriftenreihe der internat. Bachakademie Stuttgart, Hg. Ulrich Prinz, Band 2, Stuttgart - Kassel 1990, 24 - 49 (24!).
36. Wolff, a. a. O., 133.
37. Darstellung des "Herzstückes" von Smend auch bei Dürr, Johannespassion. Kassel 1988, 117.
38. Dürr, Der Passionsbericht..., a. a. O., 180.
39. Dürr, Die Johannespassion..., a. a. O, 51.
40. Petzold, a. a. O., 150. Luther schreibt in "Eyn Sermon von der bereytung zum sterben" (Martin Luther, Ausgewählte Schriften, hrsg. von K. Bornkamm und G. Ebeling, Bd. 2, 21 - 23): "Du mußt den Tod in dem Leben, die Sünde in der Gnade, die Hölle im Himmel ansehen und dich von dem Ansehen oder Blick nicht lassen wegtreiben, wenn dir's gleich alle Enge, alle Kreatur, ja, wenn dir's auch scheint, Gott selbst anderes vor Augen halten... [..... ] Denn Christus ist nichts außer lauter Leben.. Je tiefer und fester du dies Bild in dich hineinbildest und ansiehst, desto mehr fällt des Todes Bild ab und verschwindet von selbst ohne alles Zerren und streiten... [.... ] Der Gnade Bild ist nichts anderes als Christus am Kreuz.... Wie versteht man das? Das ist Gnade und Barmherzigkeit, daß Christus am Kreuz deine Sünde von dir nimmt, sie für dich trägt und sie für dich erwürgt; und dies fest zu glauben und vor Augen haben, nicht daran zu zweifeln - das heißt, das Gnadenbild ansehen und in sich hineinbilden..... [.... ] Suche dich nur in Christus.. ".
41. Dürr, Der Passionsbericht...., a. a. O., 180 Übrigens muß man auch Axmacher, a. a. O., 13 für eine recht gut zusammengefaßte Luther-Theologie der "compassio", des Mit-Leidens, heranziehen, wenn sie schreibt: "Luther sieht in dem Mitleid mit Christus und Maria, dessen affektiver Gegenpol der Zorn über Judas und die Juden ist, den Versuch des Menschen, sich von Christi Leiden zu distanzieren und existenzielle Betroffenheit nicht aufkommen zu lassen. Denn für Luther und die Reformation zeigte sich im Ereignis des Leidens und Sterbens und Auferstehens Jesu die Mitte des christlichen Glaubens, sodaß ein Polemisieren gegen das mittelalterliche compassio-Verständnis nahezu natürlich war. Für ihn hat die Passion Christi keine gefühlsbeeinflussenden Züge, sondern harte realistische: mea res agitur - meine Sache wird verhandelt." Vgl. auch: Petzold, Passionspredigt und Passionsmusik der Bachzeit, in: Matthäuspassion, Schriftenreihe der internat. Bachakademie Stuttgart, Hg. Ulrich Prinz, Band 2, Stuttgart - Kassel 1990, 8 - 23.

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