Salzburger Theologische Zeitschrift (SaThZ)

Institut für Dogmatik / Institut für Moraltheologie der Universität Salzburg


Editorial
Heft 2/1999
Franz Riffert

Das Prozeßparadigma – Eine Basis für interdisziplinäre Forschung 

Der diesjährige Tag der Fakultät stand unter dem Titel Das Prozeßparadigma – Eine Basis für interdisziplinäre Forschung und ging der Integrationskapazität der Pro-zeßphilosophie von A. N. Whitehead für die Einzelwissenschaften nach.
Whitehead hatte in verschiedenen einzelwissenschaftlichen Disziplinen – etwa der formalen Logik und der Physik - weithin anerkannte Leistungen erbracht. Nach seiner Berufung auf einen Lehrstuhl für Philosophie an die Harvard University wid-mete er sich der Entwicklung eines umfassenden philosophischen Ansatzes: der or-ganismischen Prozeßphilosophie. Besonders wichtig war es ihm, die Bezüge seiner Philosophie zu den Einzelwissenschaften deutlich zu machen; insbesondere zur Physik, Chemie, Biologie, Neurophysiologie, Psychologie, Soziologie und Erziehungswissen-schaft, aber auch zur Theologie. Nur durch die wechselseitige Anregung und Kritik zwischen allgemeiner philosophischer Spekulation und bereichsspezifischer wissen-schaftlicher Forschung – so Whiteheads Überzeugung – sei das Abenteuer der mensch-lichen Vernunft auf rationale Weise voranzubringen. Für die Theologie ist White-heads Ansatz von besonderer Bedeutung, weil sie über die Vermittlung der Pro-zeß-philo-sophie wieder in ein anregendes und fruchtbares Gespräch mit den anderen Wis-sen-schaften gelangen kann.
Eine Reihe anerkannter Whitehead-ExpertInnen, die mit Whiteheads Ansatz in verschiedenen Einzeldisziplinen ar-beiten, belegten die Frucht-barkeit eines derartigen Vorgehens. Die sechs Vorträge des Fakultätentags finden Sie nun in dieser Ausgabe der Sal-zburger Theologischen Zeitschrift.
Der international renommierte Whitehead-Experte JOHN B. COBB (Theologe und Philosoph), Gründer und Direktor des „Centers for Process Studies“ (Claremont/Los Angeles), bietet aus seinem reichen Erfahrungsschatz einen Überblick über all jene Wissenschaftsbereiche in denen sich Whiteheads Ansatz als anregend und fruchtbar für wissenschaftliches Forschen erwiesen hat. Der Fundamentaltheologe HANS-JOACHIM SANDER aus Würzburg stellt in seinem Artikel den heuristischen Wert pro-zeßphilosophischer Kategorien bei der Deutung des zentralen theologischen Terminus des „Volkes Gottes“ dar. RETO L. FETZ, Philosoph an der Katholischen Universität in Eichstätt, geht in seinem Beitrag der Frage nach, ob es  sich bei den Ansätzen von A. N. Whitehead, E. Cassirer und J. Piaget um verschiedene Ausprägungen des selben Paradigmas handelt, die sich aufgrund ihrer jeweils unterschiedlichen Schwer-punktsetzung fruchtbar ergänzen. Als Erziehungswissenschaftler der Universität Salz-burg zeige ich in meiner Arbeit, daß die kühne und anregende Wahrnehmungstheorie Whiteheads in den letzten Jahren zunehmend durch Forschungsresultate aus dem Bereich unbewußter Informationsverarbeitung empirische Stützung gefunden hat. Die durch ihre Zusammenarbeit mit dem Chemiker Ilya Prigogine bekannte Wissen-schaftstheoretikerin und Physikerin ISABELLE STENGERS von der Freien Universität Brüssel geht der Frage nach, welche Veränderungen sich aus Whiteheads Prozeßansatz für das Verständnis der Naturgesetze ergeben. Der Psychologe und Neurophysiologe AVRAHAM SCHWEIGER (New York/Tel Aviv) zeigt, daß Whiteheads Prozeßansatz bei der Überwindung von Problemen, die sich aus dem Studium von Gehirnpathologien für main-stream-Erklärungen ergeben haben, sehr hilfreich ist.


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