Salzburger Theologische Zeitschrift (SaThZ)


Editorial
Heft 2/2000
Ulrich Winkler

Die Theologie der Religionen in der Diskussion.

Spätestens seit dem 2. Vaticanum ist das Verhältnis des Christentums zu den anderen Religionen ein Thema der Theologie und Kirche geworden. Das epochale Ereignis des gemeinsamen Gebetes der Repräsentanten der Weltreligionen in Assisi 1986 hat den Horizont geöffnet, der wenig später sozioökonomisch mit der Globalisierung beschritten wurde: Völker und Religionen werden zu Partnern in der einen Welt. So ist es nicht übertrieben, wenn die Internationale Theologenkommission 1996 „die respektvolle Auseinandersetzung“ mit dem Wahrheitsanspruch der anderen Religionen ins „Zentrum der täglichen Arbeit der Theologie“ (Das Christentum und die Religionen, Nr. 102) gerückt wissen will. Papst und UNO verleihen an der Schwelle zum dritten Jahrtausend dem Dialog der Religionen ein großes Gewicht. So sollte in den letzten Vorbereitungen auf das Heilige Jahr 2000 der interreligiöse Dialog eine bedeutende Rolle spielen (Tertio millennio adveniente 1996, Nr. 52f), und die UNO veranstaltete in New York Ende August 2000 einen Millenniums-Weltfriedensgipfel als größtes Religionsmeeting aller Zeiten mit über 1000 geistlichen Würdenträgern aller Religionen.

Die Menschen mit den unterschiedlichsten religiösen Bekenntnissen sind näher zusammengerückt. Das Interesse an den anderen Religionen ist gewachsen. Das zeichnet sich ab in den Medien bis hin zu den Themenwünschen der SchülerInnen für den Religionsunterricht. Der Reiz des Exotischen ist längst einer zunehmenden Wertschätzung der anderen Religionen gewichen. Daneben hat sich auch das Wissen um das gefährliche Potential von Religion ins Allgemeinbewusstsein eingebettet. Beispiele aus der eigenen Geschichte und den gegenwärtigen Krisenherden hat jedeR zur Hand.

Der Einzug der Religionenfrage in die Theologie führte seit der These Karl Rahners vom „anonymen Christentum“ zu einer Konzentration auf die religionstheologische Theoriebildung. Zuletzt wurde begonnen, die anglo-amerikanische Literatur zu rezipieren. Gleichzeitig begleitet diesen Prozess auch die Sorge um die Identität des eigenen Glaubens, wie sie Kardinal Joseph Ratzinger exemplarisch im bekannten Vortrag in Guadalajara/Mexiko (IKZ 25/1996, 359ff) unter dem Stichwort „Relativismus“ formuliert hat und wie sie jüngst in „Dominus Jesus“ wiederholt wurde.

Die Theologie hat noch keinen allgemein anerkannten Weg gefunden, wie sie sich in ein richtiges Verhältnis zu den anderen Religionen setzt. Zum einen kann der Papst von einer „wechselseitigen Bereicherung“ (Redemptoris missio 1990, Nr. 55) sprechen, die somit auch das Christentum im interreligiösen Dialog empfängt. Ja sogar „innere Läuterung und Umkehr“ (RM 56) sind beabsichtigt! Es wächst die Achtung vor den anderen Religionen bis hin zur Anerkennung einer Ebenbürtigkeit mancher. Zum anderen stoßen insbesondere religionspluralistisch vermittelnde Vorschläge zur Christologie auf große Schwierigkeiten.

Einen wahrhaftigen Dialog kann es aber nur geben, wenn sich die Dialogpartner auf gleicher Augenhöhe begegnen, mit der Überzeugung des eigenen Bekenntnisses bei gleichzeitiger Wertschätzung des anderen. Nichts Geringeres als diese Kunst gilt es zu erlernen. Dafür will dieses Heft einen Beitrag leisten und eine Zwischenbilanz zu dem viel beachteten Thema der Theologie der Religionen ziehen. Bei der intendierten Verhältnisbestimmung von Christentum und anderen Religionen geht es um die Doppelfrage, wie diese Religionen aus christlicher Sicht zu deuten und zu werten sind, und wie sich dabei das Christentum selbst im Licht der anderen Religionen versteht.

Die Debatte der Religionstheologie ist nicht selten von Polemik und Verzeichnungen geprägt. Es ist höchst an der Zeit, ein faires Gespräch zu führen. Deshalb ist diese Nummer als Diskussionsheft konzipiert, das einen Diskussionsprozess über ein Jahr hinweg wiedergibt. Dazu haben wir vier Vertreter mit gegensätzlichen Standpunkten eingeladen. In einer ersten Phase legten die Autoren ihre je eigene Position dar. Danach wurden alle Thesen allen Mitautoren mit der Einladung zu einer Antwort zugesandt. In der dritten und letzen Phase nahm jeder Autor in einer Replik zu den eingegangenen Diskussionsbeiträgen Stellung. Dabei galt eine wichtige Spielregel: Die Beiträge wurden mit der Einsendung in die Redaktion definitiv und nach den eingegangenen Antworten der Mitdiskutanten nicht wieder verändert. Weiterführungen haben Eingang gefunden in die Repliken.
 Die Auswahl der Autoren folgt einer gängigen Typologie der Antworten. Der Karlsruher Philosoph GREGOR PAUL nimmt in einer atheistischen Position die Außenperspektive zur Religionstheologiedebatte ein. HEINZPETER HEMPELMANN, Direktor des Theologischen Missionsseminars Bad Liebenzell, vertritt den Exklusivismus, der wahre Gotteserkenntnis und Erlösung nur im Christentum gegeben sieht. MICHAEL BONGARDT, bisheriger Studiendekan in Jerusalem, bezieht den Standpunkt des Inklusivismus, der positive Spuren von Heilsvermittlung auch in anderen Religionen erkennt, aber für das Christentum die höchste Verwirklichungsform beansprucht. Die pluralistische These formuliert PERRY SCHMIDT-LEUKEL, Professor of Systematic Theology and Religious Studies in Glasgow, der eine Offenbarungs- und Heilsäquivalenz von Christentum und anderen Religionen prinzipiell für möglich hält.

Die Diskussion der religionstheologischen „Relationierung“ (U. Berner) folgt also einem etablierten Klassifikationssystem, wie es vom meist rezipierten Pluralisten John Hick vorgeschlagen und von Perry Schmidt-Leukel weiterentwickelt und logisch abgesichert wurde. Kaum eine gegenwärtige religionstheologische Diskussion geht an dieser Einteilung vorbei. Positionierungen werden weitgehend unter Bezugnahme auf diese Kategorien getroffen. Deshalb kamen sie auch hier zur Anwendung. - Damit wird jedoch keineswegs ignoriert, dass diese Klassifikation nicht außer Streit steht. So problematisiert ein hermeneutischer Disput die darin vorausgesetzte Homogenität und Eindeutigkeit der Religionen. Stellen die einzelnen Religionen, so wird gefragt, nicht vielmehr ein Integral differenzierter Traditionen dar, und sind deshalb nicht gleichzeitig mehrere unterschiedliche Relationierungen zulässig? Dementsprechend ist nicht zu erwarten, dass in der hier vorgelegten Diskussion einfach ein Sieger ausgemacht werden kann. Denn, Typologien werden angefragt, Traditionen unterschiedlich stark gemacht, Anschlussfähigkeit  eingeräumt oder verschlossen etc. Die strittige religionstheologische Theoriebildung, so kann ein Ausblick gewagt werden, wird einerseits Fragen zur Problematik der Systematisierbarkeit des christlichen Glaubens weitertreiben (vgl. die optimistischen Ansätze zur Letztbegründung oder einer dramatischen Theologie). Andrerseits wird eine neue Anstrengung zur authentischen Erfassung anderer Religionen erforderlich sein.

Der letzte Beitrag ist der Prozesstheologie gewidmet. Er ist unabhängig von der Diskussion der Religionstheologie, obwohl er sich auf ein Problem bezieht, das auch in der Religionstheologiedebatte präsent ist. HANS-JOACHIM SANDER trifft Klarstellungen zu möglichen Missverständnissen eines Pluralitätsbegriffes.

Ulrich Winkler


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