Salzburger Theologische Zeitschrift (SaThZ)


Heft 1-2002

Editorial
Andreas M. Weiß

Abtreibung - Tötungsverbot - Embryonenschutz - Theologie der Versöhnung

Die Weiterentwicklung medizinischer Möglichkeiten beschäftigt Öffentlichkeit und Wissenschaft regelmäßig mit neuen oder in neuer Weise anstehenden ethischen Problemen. Dies zeigt sich gegenwärtig deutlich in der Debatte um die sog. Biomedizin. Selten zuvor war die Nachfrage nach Ethik in Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit so groß. Die verschiedenen neu gegründeten Ethikräte (Deutschland, Österreich) und Kommissionen (z.B. Enquetekommission des Deutschen Bundestages) dokumentieren dies deutlich. Eines ihrer Themen ist die mögliche Einschränkung des derzeit in Deutschland und Österreich geltenden strengen Embryonenschutzes. Angesichts der zwar vielfach übertriebenen, aber im Kern wohl berechtigten Hoffnungen auf therapeutische und diagnostische Möglichkeiten bisher ungeahnter Art (Stammzellentherapie, Präimplantationsdiagnostik) gerät die Politik durch Wissenschaft und Medizin ebenso wie durch die öffentliche Erwartungshaltung unter Druck. Dabei stehen fundamentale ethische Themen auf der Tagesordnung: Personwürde und Tötungsverbot. Die ethische Frage ist, was sich eine Gesellschaft längerfristig einhandelt, wenn sie unter diesen Bedingungen Abstriche beim Lebensschutz zulässt und das rechtliche Verbot verbrauchender Embryonenforschung zurücknimmt. Es wird deutlich, dass mit der unter anderen Vorzeichen und mit anderen Argumenten schon bisher geschehenen Abschwächung des Lebensschutzes im Zusammenhang der Abtreibung Vorentscheidungen getroffen worden sind, die die Argumentation im Bereich des Embryonenschutzes erschweren.
    In diesem Heft sind drei Artikel und einige Rezensionen dem Bereich der Bioethik gewidmet: Der protestantische Ethiker SVEND ANDERSEN fragt aus lutherischer Perspektive nach einer angemessenen Position in Hinblick auf eine liberale Regelung des Schwangerschaftsabbruches. Seine These: Weil die Position zum Wert des ungeborenen Lebens dem geistlichen Bereich angehört, sei es dem Staat in dieser Frage nicht möglich, eine bestimmte Position mit Mitteln des Strafrechts durchzusetzen. Ausgehend von argumentativen Unterschieden in den verschiedenen Bereichen des Tötungsverbotes differenziert der Salzburger Moraltheologe WERNER WOLBERT die Frage nach der Anwendung des Tötungsverbotes auf Embryonen. Der ebenfalls in Salzburg tätige Moraltheologe und Ökonom JOACHIM HAGEL entwickelt durch die Einbeziehung von Überlegungen aus der Spieltheorie eine neue Perspektive für das Problem des Embryonenschutzes. DIRK ANSORGE trägt zu diesem Heft einen dogmatischen Artikel bei. Er entwickelt Umrisse einer Theologie der Versöhnung, indem er dem Zusammenhang bzw. der Unabhängigkeit von göttlicher Versöhnung und Vergebungsbereitschaft der Opfer nachgeht.



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