SOPhiA 2019

Salzburgiense Concilium Omnibus Philosophis Analyticis

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Programm - Vortrag

Time.Image
(Angegliederter Workshop, German)

Die Bestimmung des Mediums Bild, die Lessing in seinem Laokoon vornimmt, rückt dieses weit weg vom Temporalen: Als Kunst des Raums und gerade nicht als Kunst der Zeit gehört ihr nur ein einziger Augenblick, nicht aber die zeitliche Dauer. An die Stelle einer solchen apodiktischen Bestimmung ist mittlerweile das Bewusstsein eines komplexen Verhältnisses zwischen Bild und Zeit getreten: Disziplinen wie Philosophie, Kunstgeschichte, Bild- und Medienwissenschaft haben sich der Frage nach der Relation von Bild und Temporalität gewidmet.
Vor dem Hintergrund aktueller Diskussionen um neue temporale Bezüge in den Medien- und Bildtechnologien und künstlerischen Praktiken der Gegenwart, um eine als "Präsentismus" bezeichnete Verbreiterung der Gegenwart, um Zeitkomplexe oder eine "Postcontemporaneity" widmet sich der Workshop "Time.Image" insbesondere aus kunstwissenschaftlicher und zeitphilosophischer Perspektive den Relationen zwischen Ikonizität und Temporalität:
-- Wie kann Zeit(-lichkeit) im Bild gefasst werden? Welche Möglichkeiten gibt es, in künstlerischen Arbeiten zeitliche Strukturen zu (re-)präsentieren?
-- In welcher Weise vermögen es Bilder, Bezüge zu Vergangenem, Gegenwärtigem und Zukünftigem herzustellen und als solche zu markieren?
-- Wie können sich temporale Strukturen wie Simultaneität, Sukzession, Rhythmik, Dauer oder Asynchronität im Bild zeigen?
-- Inwieweit sind solche Formen der Repräsentation oder innerbildlichen Logik (kunst-)historisch nachzuvollziehen?
-- Welche Rolle spielen medientechnologische Gefüge und medienkulturelle Praxen für die Bezüge von Bild und Zeit?

Schedule.

16.15--16.25 Florian Fischer: Begrüßung & Einführung
16.25--17.00 Mirjam Schaub
17.05--17.40 Sarah Kolb
18.00--18.35 Vivien Grabowski
18.40--19.15 Maximilian Lehner
19.20--20.00 Eva Kernbauer

Abstracts.

Sarah Kolb (Wien/Linz): Das Bild als "Quellpunkt der Poesie". Imagination nach Bergson, Duchamp, Benjamin und Lacan
Mit seinem vielschichtigen künstlerischen Oeuvre hat Marcel Duchamp eine grundlegend neue Perspektive auf das Medium Bild geöffnet und den Kunstdiskurs der letzten hundert Jahre damit maßgeblich geprägt. Nicht nur seine Ready-mades, auch der über Jahrzehnte hinweg entwickelte Werkkomplex zu "Braut" und "Junggesellen" untergraben den Topos des vollendeten Meisterwerks und verweisen im Gegenzug auf den realen Kontext, auf die konkreten Räume und Zeiten, in denen Bilder in Erscheinung treten und in den Augen ihrer Betrachter*innen unter stetigen Transformationen Gestalt annehmen. Im Rückgriff auf die wahrnehmungstheoretischen Schriften Henri Bergsons beruft sich Duchamp auf ein "Primat der Veränderung im Leben", demzufolge wir niemals ganz im Bilde sein, sondern Bilder mit Walter Benjamin gesprochen bestenfalls mit dem Vermögen belehnen können, "den Blick aufzuschlagen" und so zu einem "Quellpunkt der Poesie" zu werden. Der Ursprung eines Bildes ist demnach kein historischer, sondern vielmehr ein im gegenwärtigen Werden und Vergehen verwirklichter: "Der Ursprung steht im Fluss des Werdens als Strudel und reißt in seine Rhythmik das Entstehungsmaterial hinein." Duchamps "Braut, von ihren Junggesellen nackt entblößt, sogar" (1915--23/1934) nimmt damit auch jenes Schema des Blicks vorweg, mit dem Jacques Lacan 1964 auf die Unzulänglichkeit perspektivischen Begehrens verweist.

Vivien Grabowski (Köln): I grew up with dinosaurs. Bild- und Zeitproduktionen in New Scenarios Jurassic Paint
"Zwei prähistorische und dennoch widerstandsfähige Spezies" sind es, die die für das Internet konzipierte Ausstellung Jurassic Paint (2015) kombiniert: Malereien und Dinosaurier. Installiert im Saurierpark Kleinwelka finden zwölf in den 2010er Jahren entstandene Malereien verschiedener Künstler*innen neben lebensgroßen Dinosaurierskulpturen Platz. Die Online-Ausstellung, die Fotografien davon zeigt, lässt multiple Zeitbezüge sichtbar werden, die sich weder auf ikonografischer noch auf medialer Ebene restlos einer Zeit zuordnen lassen. In drei exemplarischen Analysen (Barcza, Barsch, Gelber) setzt sich der Vortrag mit den temporalen Bezugnahmen der Bilder auseinander und schlägt vor, die Bilder im engen Sinne als "Szenarios" zu verstehen. Die kunsthistorischen Prätexte, popkulturellen Anleihen und Topoi führen zu Zeit- bzw. Bild-Diskursen des Modernismus, Zeiterfahrungen im 21. Jahrhundert und zur Realität der fiction -- über Fontana, Kawara, Rothko zu "Back to the Future" und Netflix.

Maximilian Lehner (Linz): Synchronie in Basel Abbas' & Ruanne Abou-Rahmes "And yet my mask is powerful"
Anhand eines Beispiels des Künstlerduos Basel Abbas und Ruanne Abou-Rahme sowie mehrerer künstlerischer Auseinandersetzungen mit Archiven bzw. der Erstellung von "Gegenarchiven" werden in diesem Vortrag die von Elizabeth Freeman in den Queer Studies weiterentwickelten Konzepte von Syn- und Anachronie in den Bereich der bildenden Künste übertragen. Das Archiv repräsentiert als Referenzpunkt in Arbeiten von Zineb Sedira, Melik Ohanian und Lara Baladi die Sukzessionslogik gegenüber anderen Möglichkeiten zeitlicher Strukturierung. Abbas' und Abou Rahmes Installation "And yet my mask is powerful" synchronisiert historische, aktuelle und fiktive Objekte und Narrative, visuell ähnlich einem Archiv. Anhand dieser Arbeit lässt sich argumentieren, dass die Ebene der Synchronie -- wie von Freeman suggeriert -- parallel laufende, nicht einheitliche Narrative sowie Zeitverhältnisse außerhalb einer Sukzessionslogik zulässt.

Eva Kernbauer (Wien): Die Befreiung von der Zeit: Kunst, Politik, Anachronie
Gerade bezogen auf künstlerische Historiografie hat der Begriff der Anachronie in den letzten Jahren immer wieder Anwendung gefunden. Mit Bezügen zu Rahel Varnhagen, Siegfried Kracauer, Jacques Rancière, Jacques Derrida, Giorgio Agamben und Paolo Virno sowie künstlerischen Arbeiten von Tacita Dean, Yael Bartana und Deimantas Narkevicius untersucht der Vortrag sein ästhetisches wie politisches Potential. Ein Denken in Anachronien, wie es in künstlerischen Arbeiten immer wieder erprobt wird, kann historische Erfahrung als in und außerhalb der Gegenwart zugleich verankert vermitteln, im Sinne nicht-identischer, disjunktiver Temporalität, die die Gegenwart für Veränderung öffnet. Das Anachronische ist damit nicht ahistorisch, sondern macht das geschichtliche Potential von Vorstellungen, Ereignissen und Handlungen erst sichtbar. In diesem Sinne ist Anachronie, wie im Vortrag argumentiert wird, kein ausschließliches Charakteristikum künstlerischer Arbeiten, sondern ein unverzichtbares Element geschichtlichen Denkens.


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Chair: Florian Fischer & Vivien Grabowski & Maximilian Lehner
Zeit: 16:15-20:00, 19. September 2019 (Donnerstag)
Ort: SR 1.003

Florian Fischer
(Uni Siegen, Deutschland)


Vivien Grabowski
(Uni Köln, Deutschland)

Vivien Grabowski (*1993) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kunst & Kunsttheorie der Universität zu Köln. Sie studierte von 2012-2018 Kunst, Germanistik und Bildungswissenschaften (M.Ed.) in Köln, seit 2017 außerdem Philosophie und Kunstgeschichte an den Universitäten Köln und Bonn.
Kontakt: vivien.grabowski@uni-koeln.de

Eva Kernbauer
(Universität für Angewandte Kunst Wien, Österreich)

Eva Kernbauer, Professorin für Kunstgeschichte an der Universität für angewandte Kunst Wien. 2007 Promotion in Trier, 2008-2010 Wissenschaftliche Assistentin an der Universität Bern, 2010 Fellow bei eikones NFS Bildkritik in Basel. 2011-2012 APART-Stipendium der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.
Zahlreiche Publikationen zur Kunst, Kunstkritik und Ausstellungsgeschichte des 18. Jahrhunderts (u.a. Der Platz des Publikums, 2011; Höfische Porträtkultur im 18. Jahrhundert, 2016) und zur Gegenwartskunst (u.a. Kunstgeschichtlichkeit, 2015). Ein Buch zur künstlerischen Historiografie (Das Globale Jetzt. Geschichtsbilder der Gegenwartskunst) ist in Vorbereitung.

Sarah Kolb
(UFG Linz, Österreich)

Sarah Kolb, Kunsttheoretikerin und Philosophin, ist seit 2011 Mitarbeiterin im Fachbereich Kunstgeschichte und Kunsttheorie der Kunstuniversität Linz. Nach Studien der Philosophie, Kunstgeschichte, Physik, Psychologie u.a. war sie Mitarbeiterin des Forschungs- und Dokumentationszentrums für moderne und zeitgenössische Kunst Basis Wien und Kuratorin in der Wiener Secession. Sie war Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien, am Kulturwissenschaftlichen Forschungskolleg "Medien und kulturelle Kommunikation" in Köln und am Duchamp-Forschungszentrum des Staatlichen Museums Schwerin und promovierte 2016 an der Akademie der bildenden Künste Wien zum Thema "Bildtopologie. Spielräume des Imaginären nach Bergson und Duchamp". Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Kunst und Philosophie des 20. und 21. Jahrhunderts, Bildtheorie, Wissenschaftstheorie, Theorie der künstlerischen Forschung und Transdisziplinarität. Zu ihren letzten Publikationen zählen der Band "Malerei im Dienste der Metaphysik. Marcel Duchamp und das Echo des Bergsonismus" (Schwerin 2015) und die beiden Sammelbände "Logik des Imaginären. Diagonale Wissenschaft nach Roger Caillois", hg. mit Anne von der Heiden, Bd. 1: "Versuchungen durch Natur, Kultur und Imagination", Bd. 2: "Spiel/Raum/Kunst/Theorie" (Berlin 2018/19).

Maximilian Lehner
(KU Linz, Österreich)

Maximilian Lehner arbeitet als Kunstwissenschaftler, Kurator und Produzent freier Kunstprojekte in Salzburg und Stuttgart. Er studierte Kunstwissenschaft und praxisorientierte Kulturphilosophie in Linz, Stuttgart und Paris und absolvierte die kuratorische Klasse der Salzburger Sommerakademie von Ruth Noack und Grace Samboh. Aktuell arbeitet er als Universitätsassistent am Institut für Kunst in gegenwärtigen Kontexten und Medien der KU Linz (ku-linz.at/kunstwissenschaft/lehner), wo er zu Zeitstrukturen in der Gegenwartskunst promoviert. Gemeinsam mit Birgit Gebhard gründete er 2017 in Stuttgart das Produktionsbüro für die freie Szene The Real Office (www.realofficers.net).

Mirjam Schaub
(Kunsthochschule Burg Giebichenstein, Deutschland)

Mirjam Schaub studierte Philosophie, Psychologie und Politikwissenschaften in Münster, München, Berlin und Paris. Parallel besuchte sie die Deutsche Journalistenschule in München und arbeitet(e) für Zeitschriften, Feuilletons, Rundfunk und Fernsehen. 2001 promovierte sie mit einer zeit- und bildphilosophischen Arbeit, die 2003 in zwei Bänden im Wilhelm Fink Verlag erschien: Gilles Deleuze im Wunderland: Zeit- als Ereignisphilosophie , sowie Gilles Deleuze im Kino: Das Sichtbare und das Sangbare. Nach ihrer Habilitation 2009 über Sinn und Unsinn von Beispielen innerhalb der philosophischen Argumentation (Das Singuläre und das Exemplarische, diaphanes, 2010), ging sie mit der Alexander von Humboldt Stiftung nach Edinburgh an das Institut for Advanced Studies in the Humanities. Nach Vertretungen in Berlin und Dresden, folgte sie 2012 einem Ruf an die Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) nach Hamburg. 2017 wechselte sie als Professorin für Philosophie an die Kunsthochschule Burg Giebichenstein nach Halle a.d. Saale. Zur Zeit arbeitet sie an einer kulturphilosophischen Monographie mit dem Titel Radikalität. Eine andere Geschichte der Popkultur.
http://www.burg-halle.de/hochschule/information/personen/p/mirjam-schaub/

Testability and Meaning deco